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Englische Wahrsagerin,
die für ihr Können als Prophetin und Hexe weithin bekannt war. Mother
Shipton, die Tochter von Agatha Southeil, hiess eigentlich Ursula Southeil
und war eine sechzehnjährige verarmte Waise aus Knaresborough, Yorkshire.
Die Mutter war dem Vernehmen nach von dem als stattlicher junger Mann
getarnten Teufel verführt worden und hatte später während eines
schrecklichen Unwetters in einer Höhle am Ufer des Nidd, der durch die Stadt
fliesst, ein Kind zur Welt gebracht. Vom Teufel hatte Agatha Southeil
angeblich magische Kräfte erhalten, mit deren Hilfe sie das Vieh der Bauern
attackierte und sich an ihren Feinden in der Stadt rächte. Allerdings starb
sie dann bei der Geburt ihres Kindes, und ihre Tochter musste auf
Gemeindekosten aufgezogen werden.
Ursula Southeil litt an verschiedenen Missbildungen - man glaubt, sie sei
bucklig gewesen -, und schon als Kind war sie wegen der Kräfte, die man ihr
zuschrieb, eine gefürchtete Person. Es waren viele Geschichten über seltsame
Begebenheiten im Umlauf, die sich in ihrer unmittelbaren Nähe ereignet haben
sollten, und bei denen Häuser von unsichtbarer Hand geplündert wurden und in
regelmässigen Abständen ein mysteriöser schwarzer Hund in ihrer Nähe
erschienen sei, als ob er sich vergewissern wollte, dass mit ihr auch alles
in Ordnung sei. Jeder, der sie wegen ihrer Missbildungen verhöhnte, wurde
mit einem Unglück oder einer Demütigung bestraft, was angeblich alles auf
Ursulas Befehl geschah.
Als junge Frau festigte Ursula Southeil ihren Ruf als Wahrsagerin, wobei sie
zahlreiche Voraussagen in Form von Rätseln und Reimen lieferte. Als ihr Ruhm
grösser wurde, versammelten sich Neugierige von weit her, um ihre Worte zu
hören und sie über ihre eigenen Zukunftsaussichten zu befragen. Das war
allerdings nicht ungefährlich, denn viele glaubten, dass Ursula Southeil
jeden bestrafe, der mit unlauteren Absichten zu ihr käme. Als nämlich einst
ein junger Mann, der mit Ungeduld auf sein Erbteil wartete, an sie mit der
Frage herantrat, wann wohl sein Vater stürbe, blieb sie die Antwort
schuldig; der junge Mann starb kurz darauf selbst und wurde in dem Grab
beerdigt, das er für seinen Vater vorgesehen hatte.
1512 heiratete Ursula Toby Shipton, einen Zimmermann. Die Bürger von
Knaresborough spekulierten, dass die missgebildete Frau ihren Ehemann mit
einem Liebestrank erobert haben müsse. Der Name Mother Shipton wurde nun zu
einem geläufigen Begriff, doch sie blieb vor einer Verfolgung als Hexe
sicher - wenn auch nur deshalb, weil sie in einer Zeit lebte, als der
Hexenwahn in England noch nicht wirklich Fuss gefasst hatte. Sie starb - wie
sie selbst vorausgesagt hatte - im Alter von siebzig Jahren und wurde
ausserhalb von York in ungeweihter Erde begraben. Ihr Ruhm jedoch lebte fort
und wurde durch die Veröffentlichung ihrer Weissagungen im Jahre 1641 noch
vermehrt.
Mother Shipton soll unter anderem den Tod von Kardinal Wolsey sowie
Einzelheiten über den Tod künftiger englischer Könige und Königinnen
vorausgesagt, vor der grossen Pestepidemie und dem grossen Brand von London
gewarnt und verschiedene Kriege und andere Ereignisse von nationaler
Bedeutung wie die Erfindung des Automobils und den Bau des Kristallpalastes
in London prophezeit haben. Einer ihrer Sprüche schien auch die Entwicklung
des modernen Nachrichtenwesens vorwegzunehmen:
Rund um die Welt werden Im Nu die Gedanken fliegen.
Einige Weissagungen trafen glücklicherweise nicht ein:
Diese Welt wird ein Ende haben
Im Jahre achtzehnhunderteinundachtzig.
Die Höhle in Knaresborough, in der Mother Shipton zur Welt kam, ist
inzwischen schon lange eine bedeutende Touristenattraktion. Mother Shipton
selbst zählt, obwohl sie eigentlich eher eine Wahrsagerin als eine Hexe war,
heute zu den berühmtesten Gestalten in der Geschichte des englischen
Hexenwesens. Es gibt auf den Britischen Inseln sogar einen Nachtfalter, den
man Mother Shipton nennt, da die charakteristische Zeichnung seiner Flügel
an das Urbild eines Hexengesichts erinnert. |