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Verehrung Satans, des
Fürsten der Unterwelt und des personifizierten Bösen, an Gottes Stelle. Zum
Hexenwesen gehörte notwendigerweise die Untertanentreue gegenüber dem Teufel
und der Dienst an ihrem diabolischen Herrn. Allein dafür wurden viele
Verdächtige zu Tode gebracht, obwohl dieser „religiöse” Aspekt
unterschiedlich stark in den Vordergrund gerückt wurde. Eine strenge
Gesetzgebung forderte mitunter zwar auch Nachweis wirklich begangener
Maleficia, doch der Pakt mit dem Teufel stellte immer einen wichtigen Faktor
dar.
Der Begriff „Satanismus” kam erst im späten neunzehnten bzw. frühen
zwanzigsten Jahrhundert auf, als verschiedene Okkultisten versuchten, ein
bewusst religiöses Element mit eigener geistiger Grundlage und Berechtigung
in die alten Vorstellungen von schwarzer Magie hineinzubringen, wie es sich
für einen anspruchsvollen „modernen” Kult geziemte, der angeblich
heidnischen Ursprungs war. Vor dem neunzehnten Jahrhundert war der
Teufelskult seinem Wesen nach einfach nur antichristlich. Diese grundlegende
Voraussetzung hatten die Theoretiker vervollkommnet, so dass sich der
Satanismus zu etwas entwickelte, das mehr als nur eine direkte Negation der
christlichen Prinzipien war und eine selbständige Religion darstellte, bei
der es um die uneingeschränkte Umkehrung konventioneller Werte ging. Man
entwickelte die Vorstellung von Luzifer als dem „Herrn des Lichts”, der zu
einer rein göttlichen Figur wurde, die die „Tugenden” Stolz, Herrschaft,
Leidenschaft, Vergnügen und den uneingeschränkten Genuss von Sex, Macht,
Geld und anderem irdischen Zeitvertreib verkörperte. Die sieben Todsünden
und die Umkehrung und Entstellung wurden zu ehrbaren Bestrebungen;
Keuschheit wurde vom Satanismus als eine unentschuldbare Verleugnung des
Selbst abgelehnt.
Die praktizierenden Satanisten, zu denen auch Meister Crowley gehörte,
verwiesen auf einen Bibeltext, in dem Christus den Teufel und nicht Gott als
Vater der Nachkommen Abrahams bezeichnet, und zitierten abermals die Bibel,
um ihre Behauptung zu stützen, der Teufel sei „Herrscher dieser Welt” und
„Gott dieser Weltzeit”. Auch wurde der moderne Satanismus mit den antiken
gnostischen Sekten verglichen, die Gott ablehnten, weil Er die Welt
geschaffen habe und die Welt augenfällig schlecht sei, woraus folge, dass
auch Gott schlecht sein müsse. Gott habe beispielsweise Adam und Eva die
wahre Kenntnis der Welt verweigert, und es sei nur dem Eingreifen der
Schlange zu danken, dass sie das tatsächliche Wesen ihrer Umwelt erkannt
hätten. Daraus folge, dass alle Gesetze Gottes einschliesslich der Zehn
Gebote schlecht seien, und dass der rechte Weg sei, entweder die völlige
Selbstverleugnung zu praktizieren und so vor dem Verderben durch Gottes böse
Welt zu fliehen oder eher positiv zu agieren und Seine moralischen Gesetze
abzulehnen.
Die Katharer und andere häretische Sekten wie die Luziferaner, die Waldenser
oder die Tempelritter machten sich von der offiziellen Anschauung
abweichende Standpunkte zu Redlichkeit und Güte des Christengottes zu eigen
und wurden deshalb verfolgt. Während des Hexenwahns, der vom vierzehnten bis
in das siebzehnte Jahrhundert hinein anhielt, wurde der Satansglaube durch
Beschreibungen angeblicher Hexensabbate und anderer Phänomene des
Hexenwesens bekannt gemacht, doch unternahm es ausser den christlichen
Dämonologen kaum jemand, solches Denken in konventionelle Formen zu kleiden.
Bemerkenswert war jedoch, dass die Vergehen, derer sich einst die Ketzer
schuldig gemacht hatten, immer wieder gegen diese neue Art von Hexen
vorgebracht wurden. Wie ihren ketzerischen Vorgängern, so legte man auch den
Hexen routinemässig die Schändung der Hostie, die Verleugnung Jesu Christi,
die Verehrung des Teufels in Tiergestalt mit dem obszönen Kuss sowie
Kannibalismus, Mord, Promiskuität und andere Verbrechen zur Last.
Für Menschen wie Aleister Crowley, die die Vorzüge eines von den Fesseln der
etablierten Kirche befreiten Individualismus priesen, bedeutete das
Wiedererstehen des Satanismus im Sinne der Auflehnung gegen die
traditionellen bürgerlichen Werte im Westeuropa des frühen zwanzigsten
Jahrhunderts eine neue Möglichkeit. Um diese neu definierte „Religion” zu
verbreiten, wurden überall in der westlichen Welt zahlreiche satanische
„Kirchen” aufgebaut. Zu den berühmtesten gehörte die 1966 von Anton Szandor
LaVey gegründete Church of Satan in San Francisco, zu der so berühmte
Mitglieder wie der Filmstar Jayne Mansfield gehörten. Kirchen- und
Friedhofsschändungen, die es in den letzten Jahren gelegentlich gab, zeugen
vom fortgesetzten Einfluss des satanischen Ideals auf das antichristlich
eingestellte Denken.
Der Lehre des Satanismus zufolge wird Satan den Christengott schliesslich
stürzen und seinen rechtmässigen Platz als Beherrscher des Universums
einnehmen. Unter seiner Regierung sollen die Menschen dann die Freiheit
haben, sich dem Streben nach Macht und weltlichen Genüssen zu widmen. Und so
lautet Aleister Crowleys berüchtigter Spruch für seine Jünger:
Es gibt keine Gnade, es gibt keine Schuld, Dies ist das Gesetz: Tu, was du
willst. |