|
Opfer einer berüchtigten
Hexenjagd, die gegen Ende des siebzehnten Jahrhunderts die Gesellschaft
Neuenglands schockierte, viele Menschenleben kostete und später als eine der
erschütterndsten Episoden in der Geschichte des kolonialen Amerika in die
Geschichte einging. Den Prozessen waren Vorfälle vorausgegangen, die sich zu
Beginn der neunziger Jahre des siebzehnten Jahrhunderts in dem Dorf Salem im
ländlichen Massachusetts zugetragen hatten. Die Prozesse selbst wirkten
nachhaltig auf das amerikanische Bewusstsein; sie stellten den schlimmsten
Ausbruch des Hexenwahns westlich des Atlantik dar.
Die Tragödie der Hexen von Salem begann 1692, als bei acht Mädchen im Alter
von elf bis zwanzig Jahren Anzeichen dämonischer Besessenheit auftraten. Wie
es scheint, waren die Mädchen stark von der Lektüre sensationeller
Druckschriften über das Hexenwesen beeindruckt und mögen darüber hinaus wohl
auch durch die haarsträubenden Geschichten beeinflusst worden sein, die sie
von Tituba, der von den westindischen Inseln stammenden Sklavin des
Ortsgeistlichen Black gehört hatten. Die ersten Opfer der Hysterie waren die
elfjährige Abigail Williams und deren Kusine Elizabeth Parris, die
neunjährige Tochter des Geistlichen Samuel Parris. Die Mädchen erlitten
Anfälle, schrieen und krümmten sich am Boden, als glaubten sie, in Tiere
verwandelt worden zu sein. Verwandte und Nachbarn waren von dem gottlosen
Verhalten der Mädchen verblüfft; sie warfen die Bibel durch den Raum,
störten die Gottesdienste und zeigten ihren Ehen gegenüber einen zügellosen
Ungehorsam. Den schockierten Erwachsenen, die Zeugen des Geschehens waren
oder davon gehört hatten, kam auch sogleich das Wort „Hexerei” über die
Lippen.
Die Hysterie sprang rasch auf andere Mädchen im Dorf über, die nun ähnliche
Symptome zeigten, in unenträtselbaren Sprachen schnatterten und Anfälle
bekamen. Unter ihnen fielen sieben auf - die achtzehnjährige Elizabeth Booth,
die siebzehnjährige Elizabeth Hubbard, die neunzehnjährige Mercy Lewis, die
zwölf-jährige Ann Putnam - die mit einer Ausnahme in allen Prozessen
aussagte -, die achtzehnjährige Susan Sheldon, die sechzehnjährige Mary
Walcott und die zwanzigjährige Mary Warren. Ebenfalls betroffen waren die
zwölfjährige Phoebe Chandler, die zwanzigjährige Sarah Churchill, die
ebenfalls zwanzigjährige Margaret Reddington, die sechzehnjährige Martha
Sprague, die neunzehnjährige Sarah Trask und die 36 jährige Sarah Bibber.
Bei Mary Warten, die als Dienstmädchen im Haus-halt von John und Elizabeth
Proctor arbeitete, stellte sich eine zeitweilige, doch deutliche Linderung
der Symptome ein, als ihr Dienstherr John Proctor drohte, sie
durchzuprügeln, wenn sie noch einen Anfall bekäme, doch wenn er das Haus
verlassen hatte, begannen die Anfälle von neuem.
Angesichts dieser Hysteriewelle im Dorf kamen die Geistlichen und der
ortsansässige Arzt Dr. Griggs, der keine medizinische Erklärung für die
Anfälle finden konnte, überein, dass die Ursache für das ungewöhnliche
Verhalten der Mädchen Hexerei sein musste. Die jungen Damen wurden befragt
und gebeten, die Hexen zu nennen, die für ihren Zustand verantwortlich
seien. Vielleicht erkannten die Mädchen, dass sie auf diese Weise einer
Bestrafung für ihre überall bekannt gemachten Vergehen entkommen konnten und
gaben die Namen mehrerer Frauen an, die alle auf die eine oder andere Art
Anhaltspunkte für den Verdacht der Hexerei lieferten. Als eine ihrer
Peinigerinnen benannten die Mädchen Tituba, die Sklavin der Familie Parris;
gegen sie wurde von Mary Sibley zusätzliches Belastungsmaterial erbracht,
die Titubas Ehemann John Indian gebeten hatte, einen „Hexenkuchen” zu
machen, den sie an einen Hund verfüttern wolle, uni sich so von ihrem Fieber
zu kurieren. Die anderen angeblichen Hexen waren Sarah Good, eine Bettlerin,
die eine Schwäche für das Pfeiferauchen hatte, Sarah Osborne, eine
verkrüppelte Frau, die dreimal verheiratet gewesen war, und Martha Cory, die
mit ihrem Sohn, einem Halbblut, ausserhalb der ehrbaren Gesellschaft stand.
Die vier Frauen wurden im Februar 1692 vorbereitend verhört, wobei sie
jegliche Beschäftigung mit der Hexenkunst in Abrede stellten. Die Richter
jedoch waren mehr vom Verhalten der jugendlichen Klägerinnen beeindruckt,
die ihre Vorwürfe wiederholten und obendrein behaupteten, sie seien von den
Verdächtigen sogar jetzt, wo sie vor ihnen stünden, ungesehen geschlagen,
gekniffen und anderweitig misshandelt worden. Mitunter agierten sie
gemeinsam, wobei eines der Mädchen einen Anfall erlitt, nachdem ein anderes
gesagt hatte, es könne sehen, dass die Angeklagten, unsichtbar für alle
anderen Anwesenden, in ihrer Geistergestalt auf sie zukämen. Zusätzlich zu
den ursprünglichen Anschuldigungen erhoben die Mädchen - anscheinend auf
Veranlassung von Ann Putnams Mutter - weitere Anklagen, bis
einhundertfünfzig Personen aller Klassen und gesellschaftlicher Herkunft in
den Fall hineingezogen waren. Die Bezichtigungen waren meist ähnlicher Natur
- die genannte Person hatte die Klägerin angeblich gepeinigt, indem sie ihre
„Erscheinung” ausgesandt habe, um das Mädchen zu zwicken, zu würgen und
anderweitig zu quälen.
Nicht alle Angeklagten kamen aus dem Dorf Salem; einige stammten aus
Nachbargemeinden wie Salem Farms und Topsfield, mit denen die Leute aus
Salem seit langem im Streit lagen. Ann Pudeator und Mary Parker kamen aus
dem weiter entfernten Andover; sie gehörten zu den vierzig Personen aus der
Stadt, die wegen Hexerei angeklagt wurden, nachdem man sie einer
„Berührungsprobe” unterzogen hatte. Bei dieser Probe mussten die angeblichen
Hexen Ann Putnam oder Mary Walcott während eines Anfalles berühren.
Beruhigten sich die Mädchen bei der Berührung, dann waren die Verdächtigen
ganz gewiss schuldig. Als eine Frau Cary aus Charlestown erfuhr, dass man
sie der Hexerei beschuldigte, kam sie freiwillig nach Salem, um sich zu der
Menge im Gericht zu gesellen. Erst als die Mädchen schliesslich wussten, wer
sie war, bekamen sie ihre üblichen Anfälle. Frau Cary wurde festgenommen,
doch später wieder freigelassen.
Vor den Anschuldigungen der Mädchen war niemand sicher. Als Richter Dudley
Bradstreet aus Andover sich weigerte, weitere Haftbefehle zu unterschreiben,
wurde er selbst der Hexerei bezichtigt und floh, bevor er wegen Mordes an
neun Personen vor Gericht gestellt werden konnte. Sein Bruder John war
ebenfalls angeklagt; ihm warf man vor, einen Hund mittels Hexerei zum
Verüben eines Verbrechens angestiftet zu haben. Der Hund kam vor Gericht und
wurde gehängt. Als man die Mädchen nach Boston brachte, gehörte zu ihren
Opfern dort Hauptmann John Alden, dem seine Taten in den Indianerkriegen
einst den Rufeines Helden gebracht hatten. Bei seinem Erscheinen fielen die
Mädchen in Ohnmacht, erholten sich aber bei der „Berührungsprobe” schnell
wieder. John Alden wurde ins Bostoner Gefängnis geworfen, von wo ihm vier
Monate später jedoch die Flucht gelang.
Bei allen Misslichkeiten ihrer Lage hatten die Angeklagten dennoch
Verbündete. So wurde beispielsweise der Versuch unternommen, Sarah Bibber
als Zeugin in Misskredit zu bringen, indem mehrere Personen ihren
„aufsässigen, aufrührerischen Geist” bezeugten und behaupteten, sie habe
ihre angeblich von unsichtbaren Geistern stammenden Wunden vorgetäuscht und
sich statt dessen selbst mit Nadeln zerkratzt, die in ihrer Kleidung
verborgen gewesen seien. John Willard, ein Bauer und Polizist aus Salem, der
die ersten Verdächtigen verhaftet hatte, erkannte klar, dass die wahren
Schurken des Stückes die acht „Hexenschlampen” seien, die sich die meisten
Anschuldigungen nur aus-gedacht hätten, und er legte nahe, dass, wenn jemand
gehängt werden müsste, sie diejenigen seien, die an den Galgen gehörten.
Dieser Ausbruch musste Unannehmlichkeiten nach sich ziehen, und so floh
Willard aus dem Dorf. Er wurde zehn Tage später ergriffen und darauf von den
Mädchen und Frau Putnam sieben verschiedener Verbrechen beschuldigt. Willard
wurde am 19. August 1692 gehängt.
Trotz der Bemühungen war das Gericht geneigt, die Anklagepunkte ohne
jegliche Zweifel zu akzeptieren, und die von den Mädchen Beschuldigten
wurden festgenommen und ins Gefängnis geworfen, wo sie auf ihren Prozess
warteten. Jeder, der die Anklagen in Frage stellte, lief Gefahr, selbst
wegen Hexerei angeklagt zu werden.
Einige der Angeklagten gehörten zu den geachtetsten Bürgern ihres Distrikts,
darunter auch John Proctor, der sich entschieden weigerte, an die Existenz
von Hexerei zu glauben und sich damit die Feindschaft des Gerichts zuzog;
Martha Cory, die eine fromme Kirchgängerin war, und der hochwürdige George
Burroughs, der von 168o bis 1682 Pfarrer in Salem gewesen war. Burroughs, so
wurde behauptet, habe den Vorsitz über gotteslästerliche Parodien des
puritanischen Abendmahlgottesdienstes geführt, anderen Hexen „Brot und Wein
so rot wie Blut” angeboten und seine beiden Ehefrauen durch Hexerei
umgebracht. Sein wahres Verbrechen war wahrscheinlich gewesen, sich die
Familie Putnam zum Feind zu machen, bei der er einst zur Untermiete gewohnt
hatte. Mercy Lewis beschrieb, wie George Burroughs Geist ihr alles
versprochen habe, was sie sich wünsche, wenn sie sich beim Teufel einfach in
das Buch der Namen einschriebe - das der Geistliche angeblich in seinem
Studierzimmer aufbewahrte. Abigail Hobbs hingegen sagte aus, dass er ihr in
persona erschienen sei, uni ihr Puppen zu bringen, in die sie habe Nadeln
stecken können. Während der Prozesse zeigten die Mädchen Bissspuren vor, die
von George Burroughs Geist herrühren sollten und, was eine gewaltsame
Untersuchung des Gebisses des Geistlichen angeblich zutage brachte, auch mit
den Zähnen des Pfarrers übereinstimmten. Burroughs weigerte sich
kategorisch, die Möglichkeit solcher Magie anzuerkennen und stellte fest:
„Es gibt weder noch gab es jemals Hexen, die einen Vertrag mit dem Teufel
gemacht haben und einen Dämon aussenden können, der andere Menschen von
weitem peinigt.”
Andere Angeklagte standen bereits in einem zweifelhaften Ruf, so wie es bei
Bridget Bishop und Susanna Martin der Fall war, denn die beiden betagten
Frauen hatte man schon lange der Hexerei verdächtigt. Bridget Bishop hatte
1680 wegen Hexerei vor Gericht gestanden, wo man sie anklagte, ihren ersten
Ehemann durch Zauberei umgebracht zu haben, sie hauptsächlich aufgrund der
entlastenden Aussage des Ortspfarrers aber freisprach.
Als die möglichen Konsequenzen der Anschuldigungen offenbar wurden, deutete
sich bei den Mädchen der Wunsch an, ihre unsinnigen Klagen zurückzuziehen,
doch nur zwei von ihnen - die Dienstmädchen Sarah Churchill und Mary Warren
- gaben auch wirklich zu, das Gericht getäuscht zu haben. Sarah Churchill
entschloss sich zu gestehen, als ihr Dienstherr George Jacobs verhaftet und
verhört wurde, während Mary Warren erst reiflich überlegte, als John und
Mary Proctor ins Gefängnis kamen, die Obrigkeit nach deren Eigentum griff
und Mary, die im Hause nichts zu essen vorfand, die Sorge für die fünf
Kinder des Ehepaares überliess. Dann änderte Sarah Churchill ihren Sinn, da
sie fürchtete, das Gericht würde ihr Geständnis ignorieren, und bekräftigte
ihre ursprünglichen Bezichtigungen. Mary Warren hingegen wurde von den
anderen Mädchen bedroht, die offensichtlich besorgt waren, dass ihr Betrug
entdeckt werden könnte, und von Ann Putnam, Mercy Lewis, Mary Walcott und
Abigail Williams schliesslich selbst beschuldigt, eine Hexe zu sein. Unter
dem Druck, den die Mädchen und auch die Richter auf sie ausübten, fügte sie
sich und bestätigte, sich ins Buch des Teufels eingetragen zu haben und von
John Proctors Geist gepeinigt worden zu sein.
Die Mädchen, die sich nun verpflichtet sahen, an ihren Vorwürfen bis zum
Schluss festzuhalten, blieben bei ihren Anschuldigungen und verfolgten ihre
Opfer vor Gericht mit gewollter und unmenschlicher Grausamkeit.
Fünfundfünfzig von einhundertfünfzig Angeklagten, darunter auch Tituba,
liessen sich durch die Hinweise, dass geständige Hexen vom Gericht begnadigt
würden, zu einem umfassenden Geständnis überreden. Sie alle entgingen der
Todesstrafe; Samuel Wardwell, der ebenfalls gestand, später aber widerrief,
wurde gehängt. Um die, die gestanden hatten, kümmerten sich die Mädchen im
allgemeinen nicht mehr, sondern konzentrierten sich darauf, belastende
Beweise gegen jene zu liefern, die gegen ihre Anschuldigungen noch immer
öffentlich Widerstand leisteten.
Der Inhalt der meisten Geständnisse entsprach zum grossen Teil den
Vorstellungen, die man im siebzehnten Jahrhundert in Neuengland von den
Gepflogenheiten des Hexenwesen hatte. Frau Forster beispielsweise
behauptete, sie habe mehrmals den Teufel in Gestalt eines Vogels gesehen,
und sie sei auf dem Besen geflogen, wie es bereits aus alten Legenden
bekannt war, und wie es ihre Befrager festhielten:
Sie und Martha Carrier ritten beide auf einem Besen oder einem Pfahl, wenn
sie sich auf den Weg zum Hexentreffen in Salem machten; der Besen
zerbrach,als sie in die Lüfte und bis über die Baumwipfel getragen wurden,
und sie fielen herunter. Doch sie hängte sich schnell an Mütterchen Carriers
Hals, und sie waren alsbald in dem Dorf, wo ihr Bein dann stark schmerzte.
Das Gericht hörte die Anschuldigungen der Mädchen, trug jedoch auch von
erwachsenen Zeugen Beweise für wirkliche Maleficia zusammen, bis es gegen
die meisten Angeklagten genügend belastendes Material besass. Über Bridget
Bishop, bei der bereits viele Nachbarn argwöhnten, dass sie eine Hexe sei,
wurde kurz und bündig entschieden. Sie gehörte zu den ersten, die gehängt
wurden. Die einundsiebzigjährige körperbehinderte Rebecca Nurse stand unter
dem Verdacht, durch Hexerei den Tod von Benjamin Holton herbeigeführt zu
haben, nachdem sie mit dem Mann in Streit geraten war, weil seine Schweine
auf ihrem Acker gewesen waren. Doch wie in anderen Fällen war es auch hier
unmöglich, eine wirkliche Verbindung zwischen der Auseinandersetzung und
Holtons späterem Tod herzustellen, der nach heftigen Anfällen und Schmerzen
eingetreten war.
Die Mädchen waren darum bemüht, die Schuld der von ihnen bezichtigten
Personen zu bekräftigen .Wann immer eine angebliche Hexe in ihre Nähe
gebracht wurde, erlitten sie Anfälle und klagten, sie würden vom
unsichtbaren Selbst der Verdächtigen gequält. Ihre Krampfanfälle wurden von
den Richtern auch prompt als belastender Beweis akzeptiert; überhaupt
liessen sich die Richter sehr leicht von Ann Putnam und deren Freundinnen
beeinflussen und hatten keine Bedenken, solche bizarre Geisterbezeugungen zu
akzeptieren. Sie selbst schienen sich aufgrund des einzigartigen Charakters
der vermeintlichen Verbrechen von den üblichen gesetzlichen Beschränkungen
befreit zu fühlen. War jemand der Hexerei angeklagt, dann galt er von
vornherein fast mit Sicherheit als schuldig; wenn er seine
Geistererscheinung ausschicken konnte, um andere zu quälen, dann musste er
einen Pakt mit dem Teufel geschlossen haben. In ihrer Entschlossenheit,
Schuldsprüche zu fällen, hörten die Richter auch die Aussagen von
siebenjährigen Kindern, verweigerten den Angeklagten einen Rechtsbeistand
und formulierten ihre Fragen so, dass die Antworten leicht gegen die
Beschuldigten sprechen konnten. Sie ignorierten alle gesetzlichen
Voraussetzungen, und als die Geschworenen Rebecca Nurse freisprachen,
verwarfen sie den Entscheid einfach. So wurde am 19. Juli 1692 neben Sarah
Good, Susanna Martin und drei weiteren Verurteilten auch Rebecca Nurse
gehängt.
Von den Angeklagten wurden 31 zum Tode verurteilt und neunzehn tatsächlich
gehängt: Bridget Bishop, George Burroughs - dem überdies das Priesteramt
entzogen worden war -, Martha Carrier, Martha Cory, Mary Esty, Sarah Good,
Elizabeth How, George Jacobs, Susanna Martin, Rebecca Nurse, Alice Parker,
Mary Parker, John Proctor, Ann Pudeator, Wilniot Reed, Margaret Scott,
Samuel Wardwell, Sarah Wilds und John Willard. Ebenfalls verurteilt wurden
Mary Bradbury, der die Flucht gelang, und Sarah Cloyce, Rebecca Eames,
Dorfas Hoar,Abigail Hobbs und Mary Lacy, die alle ihre Begnadigung
erwirkten. Abigail Faulkner und Elizabeth Proctor wurden zwar für schuldig
befunden, von der Urteilsvollstreckung je-doch verschont, da sie schwanger
waren; beide Frauen wurden schliesslich begnadigt. Ann Folter und Sarah
Osborne starben im Gefängnis, Giles Cory wurde zu Tode gepresst. Tituba, die
Sklavin, die man als eine der ersten Verdächtigen verhaftet hatte, erhielt
anstelle des Todesurteils eine Gefängnisstrafe von unbestimmter Dauer, da
sie gleich zu Anfang ein freiwilliges und umfassendes Geständnis abgelegt
hatte. Sie musste den Haushalt der Familie Parris letzten Endes verlassen
und wurde später verkauft, damit die Prozesskosten beglichen werden konnten.
Auf diejenigen, die man freiliess, wartete weitere Schmach: Sie hatten die
Kosten für ihre Begnadigung zu tragen und die Gefängniswärter für die
Betreuung während ihrer Haftzeit zu entlohnen.
Als der hochwürdige George Burroughs vor seiner Hinrichtung fehlerlos das
Vaterunser sprach, verbreitete sich unter der Zuschauermenge, die ihn
sterben sehen wollte, grosse Bestürzung, denn eine Hexe oder ein
Hexenmeister galt gemeinhin als unfähig, das Gebet ohne einen Fehler
aufzusagen. Nur das hartnäckige Zureden Cotton Mathers, der der Exekution
beiwohnte, überzeugte die Menge davon, dass Burroughs wirklich ein
Hexenmeister sei und so, wie es das Gericht befohlen habe, gehängt werden
müsse. Das Urteil wurde vollstreckt, und die Leiche des ehemaligen Pfarrers
von Salem auf dem Gallows Hill des Dorfes verbrannt.
Der Tod des achtzigjährigen Giles Cory war eine der scheusslichsten
Grausamkeiten, die es bei diesem Ausbruch des Hexenwahns in Salem gab. Da er
sich weigerte, sich zu seinen Anklagepunkten zu äussern, und somit der
Prozess gegen ihn nicht eröffnet werden konnte, musste er zwei Tage lang
nackt, ohne Nahrung und mit schweren Gewichten auf der Brust auf einem Feld
in der Nähe des Dorfgefängnisses liegen, bis er seinen Sinn geändert hatte.
Der alte Mann, dem offenbar die Hoffnungslosigkeit seines Falles bewusst
war, weigerte sich noch immer, mit dem Gericht zu kooperieren und starb
schliesslich, als die immer schwerer drückende Last für seinen Körper zu
viel wurde. Er ging damit als der wahrscheinlich einzige Mensch in die
Geschichte Amerikas ein, der zu Tode gepresst wurde. Natürlich war diese Art
der Behandlung nach den Bestimmungen eines Gesetzes von 1641 unzulässig, das
alle „unmenschlichen, barbarischen oder grausamen” Strafen verbot. Robert
Calef, ein Händler aus Boston, der den Vorfall aufzeichnete, berichtete, wie
„beim Druck der Gewichte seine Zunge aus dem Mund gepresst wurde und der
Polizist sie mit seinem Stock wieder hineinzwang". Als die Richter am
folgenden Tag Zeichen des Bedauerns bezüglich der Art, in der Cory zu Tode
gebracht worden war, erkennen liessen, suchte Ann Putnams Vater ihre
Entschlossenheit wieder zu stärken, indem er dem Gericht auseinander setzte,
wie seine Tochter in der vergangenen Nacht von Hexen und der Erscheinung
eines Mannes, den Cory sechzehn Jahre zuvor erschlagen hatte, belästigt
worden sei. Der Geist habe behauptet, unter Corys Füssen zu Tode gedrückt
worden zu sein und habe hinzugefügt: „Ihm muss das gleiche widerfahren, was
er mir angetan hat.”
Das Resultat des Salemer Hexenprozesses führte zu einer grossen Debatte in
der Gesellschaft Neuenglands. Die Bereitschaft des Gerichts, mit der es die
ungewöhnlichen Anschuldigungen junger Mädchen akzeptiert hatte, und der
Eifer, mit dem die unwahrscheinlichsten Geisterbezeugungen anerkannt worden
waren, beunruhigten viele Beobachter. Selbst bekannte Puritanerführer wie
Increase Mather brachten ihre Zweifel an solchen Zeugnissen zum Ausdruck.
Mather erklärte seiner Gemeinde: „Es wäre besser, zehn vermeintliche Hexen
entkämen, als dass ein ehrlicher Mensch verurteilt wird ... Ich liesse
lieber eine Hexe als ehrliche Frau gelten, als eine ehrliche Frau als Hexe
zu richten.”
Thomas Brattle, ein geachteter und einflussreicher Bostoner Bürger,
veröffentlichte einen Brief, in dem er eine ganze Reihe von Kritiken an der
Art und Weise der Prozessführung an-brachte: Er stellte die Zuverlässigkeit
von Zeugen in Frage, die angeblich unter Satans Einfluss standen, und
tadelte die Richter für ihre unbefriedigende und widersprüchliche
Einstellung zu dem Fall. Cotton Mather und seine hexen-jagenden Gefährten
antworteten darauf, indem sie 1693 das Buch The Wenders of Invisible World
veröffentlichten, das die Richter der Hexenprozesse in Salem verteidigen
sollte und doch nur die Blindheit seiner Verfasser zeigte, mit der sie die
Hexerei als etwas tatsächlich Existierendes akzeptierten. Diese Publikation
provozierte 1700 als Gegenreaktion ein Buch mit dem Titel More Wunders of
the Invisible World, das wiederum ätzende Kommentare zu den Prozessen
enthielt. Mathers Lager reagierte 1701 mit Some few Remarks upon a
Scandalous Book, und Calef wurde aus Boston vertrieben. Doch zu diesem
Zeitpunkt war die Debatte schon lange von den Ereignissen überholt worden.
So schnell, wie die Hysterie in Salem die Kolonie überschwemmt hatte,
änderte die Bevölkerung ihre kollektive Meinung über die ganze
Angelegenheit. Die Anerkennung von Geisterbezeugungen, die in den Salemer
Prozessen von 1692 eine so entscheidende Rolle gespielt hatte, wurde zu
Beginn des Jahres 1693 als Verfahrensweise offiziell in Zweifel gezogen, und
von den zweiundfünfzig Verdächtigen, die noch auf ihren Prozess warteten,
wurden nur drei zum Tode verurteilt; über fünf andere, darunter auch
Elizabeth Proctor, hatte man bereits im Jahr zuvor das Urteil gesprochen.
Als Antwort auf das wachsende öffentliche Unbehagen und auf die gegen seine
Frau gerichtete Anklage überstimmte Sir William Phips, der Gouverneur von
Neuengland, das Gericht und sprach alle acht Verurteilten frei. Der
wachsende Widerstand der öffentlichen Meinung gegen die Verfolgungen
verhinderte weitere Aktionen gegen angebliche Hexen in der Region, und nach
dem Fall in Salem gab es in Amerika keine Hinrichtungen verurteilter Hexen
mehr.
1696, als die Hysterie fast vorüber war, legten die Geschworenen ein
öffentliches „Eingeständnis von Fehlern” ab. Darin baten sie die noch
lebenden Verwandten der Opfer um Vergebung und bekannten, sich von den
damals vorgebrachten Anschuldigungen geblendet haben zu lassen:
Wir bekennen, dass wir nicht in der Lage waren, die mysteriösen Täuschungen
der Mächte der Finsternis und des Fürsten der Lüfte zu verstehen noch ihnen
zu widerstehen; doch liessen wir uns in dem Wunsch nach Wissen und besseren
Auskünften von anderen dazu bewegen, solch Zeugnis gegen die Angeklagten
aufzugreifen, von dem wir nun bei weiterer Betrachtung und besserer Kenntnis
zu Recht fürchten, dass es nicht ausreichte, um das Leben eines Menschen
anzutasten.
Als Geste der Reue wurde am 15. Januar 1697 überall in der Kolonie ein
Fastentag eingehalten. Cotton Mather und all jene, die sich stark für die
strafrechtliche Verfolgung eingesetzt hatten, sahen sich nun zur Seite
gedrängt und unbeachtet, da die Allgemeinheit in Zweifel zog, dass es hier
überhaupt irgendwelche Hexerei gegeben habe. Die Zulassung von
Geisterbezeugungen als Beweismittel wurde später verboten, und in den
folgenden Jahren korrigierte man die gerichtlichen Entscheidungen, um die
Verurteilten von ihrer vermeintlichen Schuld freizusprechen. Viele
Hinterbliebene und Nachkommen der Hingerichteten erhielten 1711 einen - wenn
auch kärglichen - finanziellen Aus-gleich. Die letzten unrechtmässigen
Salemer Hexenurteile wurden 1957 aufgehoben.
Die Mädchen, deren Anschuldigungen direkt zum Tod so vieler Menschen aus
ihrer näheren Umgebung geführt hatten, gingen straffrei aus. Dem Anschein
nach liessen sie in ihrem späteren Leben nur wenige Anzeichen der Reue
erkennen. Lediglich Ann Putnam wagte es je, eine Art Geständnis abzulegen.
Sie verlas es ganze vierzehn Jahre nach den Prozessen in der Kirche von
Salem. Obwohl sie darauf bestand, dass damals in der Gemeinde Hexerei am
Werk gewesen sei, bekannte sie demütig, von Satan getäuscht worden zu sein:
... es war eine grosse Verblendung Satans, die mich in dieser schlimmen Zeit
getäuscht hat, und ich fürchte zu Recht, dass ich dadurch mit anderen, zwar
unwissentlich und unabsichtlich, so doch wesentlich dazu beigetragen habe,
über mich und dieses Land die Sünde unschuldig vergossenen Blutes zu
bringen; doch was ich gegen eine Person gesagt oder getan habe, so kann ich
wahrhaftig und aufrichtig vor Gott und den Menschen sagen, habe ich nicht
aus Ärger, Tücke oder bösem Willen gesagt oder getan, denn ich empfand
nichts dergleichen gegen einen von ihnen, aber was ich, vom Satan getäuscht,
getan habe, geschah unwissentlich.
Experten, die diesen Fall von Hexenwahn einer Überprüfung unterzogen, fanden
eine ganze Reihe von Umständen, die zu der Tragödie mit beigetragen hatten.
Dazu gehörte das unruhige politische Klima zu Anfang der neunziger Jahre des
siebzehnten Jahrhunderts, einer Zeit, in der sich die amerikanischen
Kolonisten durch die hohen Steuern, die die Regierung ihnen auferlegt hatte,
zunehmend benachteiligt fühlten und die Möglichkeit einer grösseren
Unabhängigkeit von England erörtert wurde. Überdies waren die örtlichen
Richter damals erst kürzlich als Sieger aus einem Machtkampf gegen die
regionale Obrigkeit hervorgegangen und zeigten sich nur zu willig,
Anschuldigungen wegen Hexerei als ein Mittel zur Behauptung ihrer Rolle
aufzugreifen. Die Spannungen im Land erhöhten sich durch den Krieg mit
Frankreich und die Kampagnen, die die indianischen Ureinwohner gegen die
Kolonisten unternahmen. Zu dem besonders harten Winter des Jahres 1691 kamen
verschärfende Faktoren wie eine Pockenepidemie und Piratenüberfälle, denen
man entgegentreten musste, und so war die gesamte Bevölkerung wahrscheinlich
gern bereit, die Hexen als brauchbare Sündenböcke zu akzeptieren, denen sie
die Verantwortung für ihre vielen Schwierigkeiten aufbürden konnten. Bis
1691 hatte es in der Region bereits mehrere unbedeutendere Vorkommnisse von
Hexenpanik gegeben, die sich insbesondere aus dem Fall der Goodwin-Kinder
aus dem Jahre 1688 - den die Mädchen von Salem zweifellos kannten - ergeben
hatten - nun war die Zeit für einen grossen Ausbruch des Hexenwahns reif. In
dem nach strengen puritanischen Prinzipien regierten Neuengland zweifelten
nur wenige Menschen an der Existenz des Übernatürlichen. So war es relativ
einfach, die Gemeinden in der Region zu überzeugen, dass mitten unter ihnen
Satan und seine Heerscharen mit dem erklärten Ziel tätig seien, die
Regierung zu stürzen.
Die traurige Berühmtheit, die dem Dorf Salem nach den Prozessen und den
späteren Untersuchungen der Angelegenheit anhing, ist so gross, dass der
Name des Ortes auch dreihundert Jahre später noch die Vorstellung vom
Hexenwahn heraufbeschwört. Der Skandal von Salem lässt sich nicht einfach
dem Vergessen überantworten; er regt weiter Diskussionen und
Deutungsversuche an, wie beispielsweise Arthur Millers berühmtes Stück The
Crucible aus dem Jahre 1953 zeigt, das die Hexenjagd mit dem McCarthysmus
vergleicht. |