|
Ein Hexenzirkel, der
angeblich im Pendle Forest in Lancashire aktiv war, und gegen den 1612 ein
Massenprozess geführt wurde, der einer der berüchtigtsten Ausbrüche des
Hexenwahns in England war. Das nachreformatorische Lancashire, in dem eine
mehrheitlich römisch-katholische Bevölkerung unter protestantischer
Herrschaft lebte und jeder jedem mit Argwohn begegnete, war im frühen
siebzehnten Jahrhundert Schauplatz heftiger religiöser Auseinandersetzungen.
In dieser Atmosphäre des Misstrauens war es unvermeidlich, dass Anklagen
wegen Hexerei grosse Auswirkungen auf die Gemeinden hatten. Die aufkommende
Hysterie brach sich schliesslich Bahn, als zwei alte Frauen, die schon seit
langem in dem Rufgestanden hatten, rivalisierende Hexen zu sein, öffentlich
angeklagt wurden.
In dem im Osten Lancashires gelegenen Pendle Forest lebten zwei miteinander
konkurrierende Bauernfamilien, deren Oberhäupter zum einen die
achtzigjährige blinde Bettlerin Elizabeth Sowthern, die man „Old Demdike”
nannte und als die „widerwärtigste Hexe unter der Sonne” beschrieb, und zum
anderen Anne Whittle, ein „vertrocknetes, entkräftetes und altersschwaches
Geschöpf” mit dem Spitznamen „Old Chattox”, waren. Mit ihrem wilden,
unattraktiven Äusseren und bösartigen Wesen passten die beiden Frauen genau
zu dem Bild, das man sich im allgemeinen von einer Hexe machte. Man erzählte
sich, dass viele mysteriöse Todesfälle in der Umgebung auf die tödlichen
Gifte zurückzuführen seien, die die beiden Frauen als Oberhäupter eines in
dem Wald aktiven Hexensabbats zusammenkochten. Beide scheinen aus ihrem Ruf
Kapital geschlagen zu haben, um Einfluss auf ihre Nachbarn auszuüben und
ihren einfachen Handel mit Kräutern und Heilmitteln zu fördern.
Die Ereignisse, die zu dem Prozess führten, begannen um 1601, als die
ehemals eng befreundeten Hexen in Streit gerieten. Die Entzweiung führte
dazu, dass die Mitglieder der beiden Familien in eine lange und letzten
Endes blutige Fehde verwickelt wurden. Zu dem Streit war es wegen des
Diebstahls einiger leinener Kleidungsstücke und einer kleinen Menge Mehl aus
dem Besitz von Alison Device, der Enkelin der Old Demdike, gekommen. Am
darauffolgenden Sonntag behauptete Alison, ein vermisstes Band und eine
Haube bei Anne Redfearne, der verheirateten Tochter der Old Chattox gesehen
zu haben, und bald machten sich beide Familien gegenseitig heftige Vorwürfe.
Alisons Vater John Device versuchte, Old Chattox, die wahrscheinlich die
mächtigere von beiden Hexen war, davon abzuhalten, die ihr nachgesagten
übernatürlichen Kräfte gegen seine Familie anzuwenden, und versprach ihr
einen jährlichen Mehltribut. Das schien einen zeitweiligen Frieden bewirkt
zu haben, der bis zu John Devices Tod einige Jahre lang anhielt.
Zu Beginn des Jahres 1612 führte die wiederbelebte Fehde zu zahlreichen
Beschwerden über die beiden Familien, die Roger Nowell, dem örtlichen
Friedensrichter, zu Ohren kamen. Er beschloss, dem Streit auf den Grund zu
gehen. Nowell hatte wenig Mühe, Mitglieder beider Familien gegeneinander
aussagen zu lassen. Es folgte ein Vorwurf auf den andern, bis sich alle
Beteiligten hoffnungslos kompromittiert hatten.
Es kam zutage, dass Elizabeth Sowthern vor vielen Jahren eine Hexe geworden
war, nachdem sie an einem Steinbruch im Wald angeblich einen „Geist oder
Teufel in Gestalt eines Jungen” getroffen und diesem für die Erfüllung all
ihrer künftigen Wünsche ihre Seele versprochen hatte. Der Teufel, der sich
Tibb genannt habe, sei ihr von Zeit zu Zeit abwechselnd in Gestalt eines
braunen Hundes oder einer schwarzen Katze erschienen, um zu erkunden, ob sie
irgendwelche neuen Aufgaben habe, die er für sie ausführen könne. Später
habe sie auch ihren Sohn Christopher Howgate, ihre Tochter Elizabeth Device
und Elizabeths Kinder James und Alison als Hexen anwerben lassen. Auch Anne
Whittle, die ihre Seele einem „Ding wie ein Christenmensch” verkauft habe,
sowie mehrere Nachbarn und Verwandte gehörten zu jenen, die in den Kreis der
Hexen aufgenommen worden seien.
Nach der Befragung der Old Demdike, der Old Chattox und der Anne Redfearne
kam Roger Nowell zu dem Schluss, dass man auf diesen Fall reagieren müsse.
So wurden alle drei auf der Burg von Lancaster eingesperrt, wo sie auf ihren
Prozess bei den nächsten Assisen warten mussten. Bei ihnen war auch die
elfjährige Alison Device, der man vorwarf, einen Hausierer mit Namen John
Law behext zu haben. Es kam zutage, dass sie und Law eine heftige
Auseinandersetzung gehabt hatten, nachdem der Hausierer sich geweigert
hatte, dem Mädchen ein paar Nadeln zu geben. Das Wortgefecht gipfelte darin,
dass Alison den Mann verfluchte, woraufhin dieser zusammengebrochen war und
über starke Schmerzen in der Seite geklagt hatte - aus heutiger
medizinischer Sicht hatte er einen Schlaganfall erlitten. Alison Device gab
zu, den Hausierer verflucht zu haben und behauptete auch zu glauben, dass
sie für dessen Krankheit und die dauerhaften Gebrechen, unter denen er
seither leide, verantwortlich sei. Old Demdike indes bekannte sich freimütig
dazu, eine Hexe zu sein.
Der aufsehenerregende Prozess gegen nicht weniger als elf Angeklagte war der
grösste Massenprozess gegen Hexen, der bisher in England stattgefunden
hatte. Gegen Jennet Preston, eine weitere Angeklagte, wurde in deren
Heimatstadt York verhandelt. Zum Gerichtsgebäude in Lancaster kamen grosse
Menschenmengen, um den Prozess zu verfolgen und einen Blick auf die
Angeklagten zu erhaschen, deren Äusseres bereits für viele Gemüter die
Schuldfrage klärte. Insbesondere Elizabeth Device mit ihrem entstellten
Gesicht und ihren Augen, die gleichzeitig in verschiedene Richtungen
blickten - ein sicheres Zeichen dafür, dass sie den bösen Blick besass -
schien die absolute Verkörperung einer Hexe zu sein.
Der Prozess selbst entsprach den Erwartungen und war in vieler Hinsicht
typisch für Hunderte ähnlicher Verfahren. Mehrere Anklagepunkte warfen den
Verdächtigen Mord durch Hexerei vor. Old Demdike sollte mit Hilfe des
Dämons, den sie Tibb nannte, das Kind eines Richard Baldwyn getötet haben,
nachdem dieser gedroht habe, sie und ihre Enkelin Alison als Hexen
exekutieren zu lassen. Old Chattox, die angeblich von einem Hausgeist in
Gestalt einer gefleckten Hündin unterstützt und zu Übeltaten angestiftet
wurde, legte man zur Last, mittels Zauberei einen ortsansässigen
Landbesitzer mit Namen Robert Nutter getötet zu haben. Old Chattox bemerkte
vielleicht erst jetzt, in welcher Gefahr sie schwebte, und versuchte, die
Verantwortung von sich zu weisen, indem sie hervorhob, dass es Old Demdike
gewesen sei, die sie dem Teufel vorgestellt und Nutters Tod arrangiert habe.
Alison Device indes weinte bitterlich, als der Hausierer in den Gerichtssaal
geführt wurde, und bat ihn um Vergebung.
Weitere Anklagepunkte bezogen sich auf einen sensationellen Bericht, nach
dem mehrere Mitglieder der beiden Familien nach den ersten Verhaftungen
geplant hatten, die Festung von Lancaster zu sprengen, um ihre eingesperrten
Angehörigen zu befreien. Nach Angaben des Gerichts hatten die Familien das
Kriegsbeil zeitweise begraben und sich am Karfreitag am Malking Tower, der
Wohnung von Elizabeth Device in Pendle, getroffen, um den Plan für einen
Ausbruch festzulegen. Über einem reichlichen Mahl, bei dem auch ein von John
Device „besorgter” Hammel verspeist wurde, heckte die Versammlung ein
Komplott aus, das die Tötung der Gefängniswärter und die Befreiung der
Gefangenen mit Hilfe von Schiesspulver vorsah. Vermutungen darüber, dass
besagter Festschmaus vielleicht eine der sehr seltenen Gelegenheiten war,
bei der englische Hexen einen echten Hexensabbat zelebrierten, schätzen die
Bedeutung dessen, was wahrscheinlich ein gewöhnliches Mahl war, zu hoch ein:
Es war kein Teufel anwesend, man hielt keine okkulten Zeremonien ab, und es
fehlten die Tänze, die Orgien und anderes mehr.
Von den achtzehn Frauen und zwei oder drei Männern, die an diesem Treffen
teilgenommen hatten, waren sechzehn namentlich bekannt; allerdings konnten
nur neun ausfindig gemacht und dem Gericht vorgeführt werden. Unter ihnen
befand sich überraschenderweise auch die wohlhabende Alice Nutter aus Rough
Lee, die Mutter des verstorbenen Robert Nutter, die angeklagt war, durch
Hexerei einen Mann namens Henry Mitton ermordet zu haben. Ihre Teilnahme an
der Zusammenkunft wurde von mehreren Angeklagten bestätigt, doch es gab
absolut keinen konkreten Beweis gegen sie. Einem Gerücht zufolge wurde ihre
Anklage von jenen gefälscht, die mit Sicherheit von ihrer Hinrichtung
profitieren würden; zudem hegte Roger Nowell seit einem Streit wegen einer
Grundstücksgrenze Groll gegen sie. Auf jeden Fall weigerte sie sich bis
zuletzt, eine Verwicklung in diese Affäre zuzugeben.
Die anderen Angeklagten waren Jennet Preston, die geplant hatte, Thomas
Lister aus Westby zu töten und aus Gisborne-in-Craven gekommen war, um sich
dazu Hilfe zu erbitten, Elizabeth Device, James Device, Katherine Hewit,
John und Jane Bulcock, Isabel Robey und Margaret Pearson. Katherine Hewit
sollte Hexerei angewendet haben, um Anne Foulds, ein Kind aus Colne, zu
töten, während die Bulcocks mit ihrer Zauberei eine Frau namens Jennet Deane
in den Wahnsinn getrieben hatten. Isabel Robey hatte zwei Personen, die als
Jane Wilkinson und Peter Chaddock identifiziert wurden, durch Hexerei
körperliche Schmerzen bereitet. Insgesamt machte man die Angeklagten für
sechzehn Todesfälle im Ort, für Schäden an Vieh und Eigentum und für andere,
kleinere Vergehen verantwortlich.
Der Fall gründete sich hauptsächlich auf die Aussage der Elizabeth Device,
ihres Sohnes James und ihrer neunjährigen Tochter Jannet. Jannets Auftreten
im Zeugenstand kam unerwartet und war zudem gesetzwidrig, da Aussagen von
Kindern unter vierzehn Jahren nicht zulässig waren - eine Regel, die das
Gericht ausser acht liess. Das Mädchen wurde in der Mitte des Raumes auf
einen Tisch gestellt; sein folgendes Bekenntnis all dessen, was ihnen zur
Last gelegt worden war, veranlasste die Mutter, ein volles Geständnis
abzulegen, das sie später allerdings widerrief. Den Aussagen von James und
Jannet zufolge besass ihre Mutter einen Hausgeist in Gestalt eines braunen
Hundes, den man Ball rief, und sie hatte mit Hilfe des Bildzaubers und
anderer magischer Mittel mindestens drei Todesfälle verursacht. James teilte
dem Gericht mit, dass er selbst „einem Ding wie ein Hase” begegnet sei. Es
habe ihn um etwas Kommunionsbrot gebeten, das zu stehlen ihn seine
Grossmutter gelehrt habe. Das Geschöpf sei verschwunden, als er das
Kreuzzeichen gemacht habe. Allerdings wurde auch James beschuldigt, einen
Hausgeist - einen Hund mit Namen Dandy - zu halten und dessen Kräfte benutzt
zu haben, um den Mord an einem Fräulein Towneley aus Carre zu begehen.
Den Freispruch der Anne Redfearne vom Vorwurf des Mordes an Robert Nutter
nahm die versammelte Menge mit wenig Begeisterung auf, beruhigte sich jedoch
etwas, als die Angeklagte für schuldig befunden wurde, ihren Vater
Christopher Nutter getötet zu haben, der auf dem Totenbett Hexerei für sein
Hinscheiden verantwortlich gemacht hatte. Auf der Grundlage der Geständnisse
und der Anschuldigungen, mit denen sich die Verdächtigen gegenseitig
überhäuft hatten, wurden drei von ihnen zum Tode durch Erhängen verurteilt.
Old Chattox machte keinen Versuch, ihre Schuld zu leugnen, bat aber das
Gericht, ihre Tochter zu schonen. Alle anderen beteuerten vehement, dass die
gegen sie erhobenen Anklagen falsch seien. Old Demdike war bereits im
Gefängnis gestorben, ehe die Assisen eröffnet wurden.
Old Chattox, Anne Redfearne, Elizabeth Device, James Device, Alison Device,
Alice Nutter, John und Jane Bulcock, Katherine Hewit und Isabel Robey
starben am 20. August 1612 in Lancaster am Galgen. Zu dieser Zeit war Jennet
Preston in York bereits wegen Mordes an Thomas Lister gehängt worden.
Margaret Pearson, die für schuldig befunden worden war, ein Pferd zu Tode
gehext zu haben, wurde zu einer einjährigen Gefängnisstrafe verurteilt und
musste viermal am Pranger stehen - je einmal in Clitheroe, Padiham, Whalley
und Lancaster.
Die sensationellen Einzelheiten des Falles wurden im darauffolgenden Jahr in
einem Volksbuch mit dem Titel The Wonderful Discovery of Witches in the
County of Lancaster, das heisst Die wundersame Entdeckung der Hexen in der
Grafschaft Lancashire, veröffentlicht, das von Thomas Potts, dein
Gerichtsschreiber, verfasst und von Sir Edward Bromley, Richter in diesem
Prozess, als genau und zutreffend beglaubigt worden war. Dadurch machte man
den Fall in ganz Nordengland bekannt; seine Wirkung sollte sich später in
vielen anderen Prozessen zeigen.
Die Grafschaft Lancashire wurde 1634 ein weiteres Mal von einem
Massenprozess gegen vermeintliche Hexen aus dem Pendle Forest erschüttert,
als ein Junge Anschuldigungen gegen mehrere Frauen vorbrachte, unter denen
auch die inzwischen erwachsene Jannet Device war. Diesmal allerdings gestand
der Junge schliesslich, die Vorwürfe erfunden zu haben, und jene, die den
Arrest überlebt hatten, wurden freigelassen. |