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Hexenwesen, Hexerei, Magie
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Nonnen von Loudun

Ein Fall von dämonischer Besessenheit, der 1634 in Loudun, Frankreich, für Aufregung sorgte. Die Geschichte der Nonnen von Loudun drehte sich um einen gutaussehenden und etwas zügellosen jungen Priester mit Namen Urbain Grandier, dessen Zauber im Ursulinerinnenkloster der Stadt ein Chaos verursacht hatten, und den man letzten Endes als Hexenmeister identifizierte. Ehe dieser Skandal in Loudun ruchbar wurde, war er bereits wegen seines nicht gerade zölibatären Lebenswandels und seiner kritischen Bemerkungen über den allmächtigen Kardinal Richelieu bei der Obrigkeit in Schwierigkeiten geraten. Den Zorn seiner Vorgesetzten hatte er sich insbesondere durch seine Liebschaften mit einer ganzen Reihe junger Frauen zugezogen. Als 1630 der Erzbischof Behauptungen nachgegangen war, denen zufolge Grandier mit Philippa Trincant, der Tochter des öffentlichen Anklagevertreters in Loudun, ein Kind hatte, konnte der Priester nur mit knapper Not sein Amt behalten. Der Vater der Kindsmutter hatte Grandier wegen Unmoral vor Gericht gebracht, der Angeklagte war schuldig gesprochen worden, doch der Erzbischof Sourdis von Bordeaux wurde überredet, den Geistlichen auf freien Fuss zu setzen und zu seinen Pflichten zurückkehren zu lassen. Mit seinen Eskapaden hatte sich Grandier viele Feinde gemacht, die entschlossen waren, sich an ihm zu rächen.
Die entscheidende Person in dieser letzten Affäre war die Mutter Oberin in Loudon, Schwester Jeanne des Anges, die bereits im Alter von fünfundzwanzig Jahren zum Oberhaupt des Klosters gewählt worden war, da sie aus einer wohlhabenden Familie kam. Als sie erst die Herrschaft über das Kloster hatte, liess sie ihre unterdrückte Sexualität an ihren Mitschwestern aus und befahl den Nonnen, sie, die Oberin, auszupeitschen. Geistig zerrüttet und hysterisch, sah sie in dem jungen Urbain Grandier den eigentlichen Kern der fleischlichen Sünde und stimmte bereitwillig zu, ihre Rolle in einer Verschwörung zu spielen, die ihn ins Verderben stürzen sollte.
Um den Namen des Priesters zu beflecken, täuschten Schwester Jeanne und einige andere Nonnen dämonische Besessenheit und Anfälle vor, bei denen sie seltsame und mitunter unanständige Körperhaltungen einnahmen. Sie schnatterten in unbekannten Sprachen, zogen Grimassen und beschuldigten Grandier, die Ursache ihrer Pein zu sein. Zudem behaupteten die Nonnen, er habe die Dämonen Asmodi und Zabulon beschworen, ihm zu helfen. Die Vorwürfe brachten die Bevölkerung von Loudun auf, und Grandier war gezwungen, sich ein weiteres Mal unter den Schutz des Erzbischofs Sourdis von Bordeaux zu begeben. Der Erzbischof liess die Nonnen von seinem Arzt untersuchen, der erklärte, die Besessenheit sei vorgetäuscht. Auf Befehl des Erzbischofs wurden alle Versuche der Teufelsaustreibung eingestellt und die Frauen in ihre Zellen eingeschlossen, was eine zeitweilige Beruhigung in diesen Angelegenheiten brachte.
Zu Urbain Grandiers Unglück sah Kardinal Richelieu (der zufällig mit einer der Nonnen im Kloster verwandt war) nun die Gelegenheit gekommen, aus einer öffentlichen Teufelsaustreibung bei den Nonnen politisches Kapital zu schlagen und den Hexenwahn nochmals anzufachen. Wenn es ihm gelang, eine Entladung der öffentlichen Unruhe zu provozieren, dann wäre der Weg für eine Aufhebung des Edikts von Nantes bereitet, das allen Religionen eine örtlich beschränkte Kultfreiheit gewährte. Die Exorzismen wiegelten neue Schützlinge gegen Grandier auf, und der Priester selbst wurde aufgefordert, im Kloster einen Gottesdienst zur Teufelsaustreibung abzuhalten, um die Frauen von seinem Einfluss zu befreien. Wie vorauszusehen war, hatte er keinen Erfolg, und die Nonnen erweiterten ihre anfänglichen Beschuldigungen und warfen Grandier vor, er habe seine Macht benutzt, um sie in schamlosester Weise zu verführen. Schwester Jeanne behauptete gesehen zu haben, wie er einen Zauber ausgeführt habe, der sie nun quäle, indem er einen Rosenstrauss über die Klostermauer geworfen habe.
Auf die Aussage der Mutter Oberin hin wurde Grandier verhaftet, auf die Burg von Angers gebracht und dort auf das Teufelsmal untersucht. Die noch vorhandenen Berichte lassen erkennen, dass man den Gefangenen zu-nächst mit der Spitze einer Lanzette stach und dann an anderer Stelle ganz sacht mit deni stumpfen Ende des Instruments berührte - so leicht, dass Grandier, der noch vom Schmerz des ersten Einstiches wie betäubt war, diese zweite Berührung kaum spüren konnte. Auf diese Weise fand man vier Teufelsmale, und der Gefangene wurde den Folterknechten übergeben.
Bei dem höchst regelwidrigen Prozess gegen Grandier, hei dem Richelieus Lakaien den Vorsitz führten, brach Verwirrung aus, als den Gerichtsbeamten Grandiers vermeintlicher Pakt mit dem Teufel, unterzeichnet mit dem Blut des Angeklagten (siehe Pakt mit dem Teufel), zur Prüfung vorgelegt wurde. Dazu wurde die unwahrscheinliche Geschichte vorgebracht, der von Satan, Beelzebub, Luzifer, Elimi, Leviathan und Astaroth gegengezeichnete und in verräterischer Weise von rechts nach links geschriebene Vertrag entgegen den sonstigen Gepflogenheiten sei vom Dämon Asmodi aus den Akten des Teufels entwendet worden.
Grandiers Verteidigung ignorierte man, und die potentiellen Entlastungszeugen wurden gewarnt, dass sie im Falle ihres Erscheinens vor Gericht unter den Verdacht gerieten, selbst mit der Hexerei zu tun zu haben. Einige Nonnen versuchten, sich Gehör zu verschaffen, da sie nun vielleicht begriffen, welche Konsequenzen ihre Aussagen für den jungen Mann haben könnten. Das Gericht jedoch weigerte sich, einen Widerruf zu unterstützen, da dies nichts als ein Trick des Teufels sei, mit dem dieser seinen Diener retten wolle. Man versprach den Nonnen auch eine Pension aus der Kasse des Kardinals, wenn sie vor Gericht im Sinne der Anklage aufträten. Selbst der melodramatische Auftritt der Mutter Oberin mit einer Schlinge um den Hals, die drohte, sich zu erhängen, wenn man sie nicht anhöre, beeinflusste das Gericht nicht.
Das Todesurteil war unausweichlich, und zur Befriedigung seiner Feinde wurde der junge Priester zum Verbrennen auf dem Scheiterhaufen vor der Heilig-Kreuz-Kirche verurteilt. Vor der Hinrichtung wurde Grandier grausamsten Folterungen unterworfen, damit er die Namen seiner Komplizen preisgebe. Augenzeugen berichteten, der Verurteilte sei so schwer misshandelt worden, dass das Mark aus den zerschlagenen Knochen hervorgetreten sei. Grandier nannte nicht einen Namen. Als Vergeltung für seine Unbeugsamkeit sorgten die Kapuzinermönche, die das Verhör geleitet hatten, dafür, dass das Seil, mit dem Grandier vor dem Verbrennen erdrosselt werden sollte, so befestigt war, dass es sich nicht gänzlich festziehen liess, so dass das Opfer noch lebte, als man es den Flammen übergab. Als der Gefangene, schon auf dem Scheiterhaufen stehend, den Versuch machte, öffentlich ein letztes Mal seine Schuld zu verneinen, übergossen ihn die Mönche, die die Verbrennung überwachten, mit Weihwasser, um zu verhindern, dass seine Worte gehört würden.
Die scheinbare dämonische Besessenheit der Nonnen fand mit Grandiers Tod jedoch kein Ende. Die andauernden Krämpfe und Verrenkungen, die sich bei den Nonnen zeigten, forderten Stellungnahmen heraus und fachten die Kritik an Kardinal Richelieu und der Regierung an. Im Umkreis von vielen Kilometern machten sich die Leute auf, um die von Dämonen besessenen Klosterschwestern zu sehen. In einem zeitgenössischen Bericht darüber ist zu lesen:
Sie warfen sich zurück, bis ihre Köpfe die Füsse berührten, und liefen in dieser Stellung lange Zeit und mit erstaunlicher Geschwindigkeit. Sie stiessen so laute und schreckliche Schreie aus, wie man es nie zuvor gehört hat. Sie gebrauchten so unanständige Ausdrücke, dass die verdorbensten Männer sich schämten, während ihre Handlungen, bei denen sie sich selbst zur Schau stellten und die Anwesenden zu Obszönitäten aufforderten, die die Bewohnerrinnen selbst des verrufensten Bordells im Lande erstaunt hätten.
Bezeichnenderweise wurden die Anfälle seltener, als Richelieu die Pension aufkündigte, die man den Nonnen für den Fall versprochen hatte, dass sie vor Gericht die Anklage gegen Grandier unterstützten. Schwester Jeanne selbst fühlte sich nach wiederholten Exorzismusversuchen und einem Besuch am Grabmal des heiligen Franz von Sales in Italien im Jahre 1638 schliesslich von ihren Dämonen erleichtert.
Nun herrschte bei allen Autoritäten Einigkeit darüber, dass Grandier ein unschuldiges Opfer war, dessen Tod eine politische Dimension hatte. Über die Motive der Mutter Oberin sind die Experten jedoch geteilter Meinung. Manche vertreten die Auffassung, die Frau sei Epileptikerin gewesen; andere meinen, sie sei schizophren oder einfach eine Betrügerin und lediglich daran interessiert gewesen, die öffentliche Aufmerksamkeit auf sich zu lenken. Sie erlangte den Status einer Berühmtheit, nachdem die Aufregung über die Angelegenheit verklungen war. Sie wurde bekannt für ihre seherischen Fähigkeiten, für ihre Kraft zu heilen und für die Körpermahle, die als die Namen von Jesus, Maria, Joseph und Franz von Sales auf ihrer linken Hand erschienen. Man brachte sie sogar vor Kardinal Richelieu, wo sie diese letzte, als „bewundernswert” beurteilte Gabe demonstrierte. Jeanne des Anges starb am 29. Januar 1665 in Loudun.

 

 

 

 

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