|
Eine grosse Zahl von
Hexenprozessen, darunter auch einige der berüchtigtsten Verfahren, beruhten
fast ausschliesslich auf den Aussagen von Kindern. Die Hexenpanik war so
gross, dass man Zeugenaussagen, die in jedem anderen juristischen
Zusammenhang von der Hand gewiesen worden wären, bereitwillig akzeptierte
und sie benutzte, um die Schuld zahlloser Verdächtiger festzustellen, sobald
von Hexerei die Rede war.
Die Motive der jugendlichen Kläger waren verschieden. Manchmal steckte
offensichtlich nur wenig mehr als reine Kriminalität dahinter, manchmal war
es beabsichtigte Böswilligkeit, mit der man an einem Nachbarn oder
Familienmitglied Rache nehmen wollte, und mitunter war es eine Mischung aus
Hysterie und Furcht, die zweifellos angeregt wurden, wenn die Minderjährigen
Gespräche von Erwachsenen über andere zeitgenössische Fälle mithörten. Es
fällt auf, dass die Aussagen vieler Kinder - und auch Erwachsener - oftmals
genau das widerspiegelten, was kurz zuvor im Zusammenhang mit anderen
Prozessen in überall erhältlichen Druckschriften oder Flugblättern
veröffentlicht worden war. In einigen der bedauerlichsten Fälle war der
Enthusiasmus, mit dem die Kinder bei ihren Aussagen ins Detail gingen, ohne
Zweifel der Ermutigung und der Anteilnahme durch die Eltern geschuldet, die
ihre eigenen Gründe dafür gehabt haben mögen, den Ruf eines Nachbarn oder
Verwandten zu schädigen.
An manchen europäischen Gerichten - vor allem in den deutschen Staaten des
sechzehnten und siebzehnten Jahrhunderts - wurden in der festen Absicht, das
Hexenwesen auszurotten, Aussagen jeglicher Art, darunter auch die von
kleinen Kindern, uneingeschränkt Glauben geschenkt. Sobald ein Kind sprechen
konnte, so schien es, war es vor Gericht aussagefähig und konnte von den
Richtern sogar als Zeuge gegen seine eigene Mutter gehört oder als Beklagter
vernommen werden. In einigen Fällen, wie beispielsweise 1527 in Navarra in
Frankreich, wurden absichtlich Kinder angeworben und von Dorf zu Dorf
mitgenommen, um nach eigenem Belieben Hexen auszumachen.
In England - wo Aussagen von Personen unter vierzehn Jahren regelrecht
gesetzwidrig waren - und anderswo sahen sich Kinder häufig genötigt, ihre
Erzählungen stark auszuschmücken, um vor Gericht glaubhaft auftreten zu
können. Die phantastischen Bezeugungen in Fällen wie dem des William Somers,
des ,Jungen von Nottingham", stellten die Leichtgläubigkeit der Richter auf
eine harte Probe: Mitunter nahmen sie Abstand davon, all das, was man ihnen
erzählt hatte, zu akzeptieren, doch allzu oft liessen sie Einfalt über
besseres Wissen siegen. Die Raffinesse, mit der manche Kinder dämonische
Besessenheit vortäuschten, machte es nur um so wahrscheinlicher, dass die
ungeheuerlichsten Behauptungen Glauben fanden. William Perry, auch als Junge
von Bilson bekannt, hätte die Obrigkeit fast von der Echtheit seiner
Besessenheit überzeugt, als er blauen Urin ausschied - wobei nur durch
heimliche Überwachung festgestellt wurde, dass er sein Laken mit Tinte
getränkt hatte. Andere Kinder redeten der Obrigkeit ein, von Dämonen
besessen oder Opfer eines Zaubers zu sein, indem sie auf Kommando Nadeln,
Knöpfe und andere merkwürdige Gegenstände erbrachen.
Jakob I. stellte die falschen Aussagen von Kindern in mehreren denkwürdigen
Fällen bloss und brachte damit der Richterschaft zu Bewusstsein, dass diese
Art von Beweisen mit besonderer Sorgfalt geprüft werden musste. Er
verhinderte damit wahrscheinlich, dass noch mehr ähnlich gelagerte Fälle zum
Tode unschuldiger Menschen führten. Die Statistik besagt allerdings, dass in
der Mehrzahl der Fälle, bei denen man die Aussagen von Kindern anhörte, eben
diese Kinder nicht mit dem erforderlichen Nachdruck ins Kreuzverhör genommen
wurden und viele Betrüger unentdeckt blieben.
Es ist unmöglich, eine genaue Zahl der Menschen anzugeben, die unmittelbar
durch die Aussagen von Kindern zu Tode kamen, doch allein die Hysterie, die
im späten siebzehnten Jahrhundert über den Ort Salem in Massachusetts
hereinbrach, forderte nicht weniger als zweiundzwanzig Leben. Die Panik, die
1669 die schwedische Stadt Mora ergriff, und die hauptsächlich das Ergebnis
von Anschuldigungen durch kleine Kinder war, führte zur Verhaftung von etwa
dreihundert Personen und der Ausbreitung der Furcht, dass Hunderte von
Kindern dem Dienst an Satan geweiht worden seien. Unter den Hingerichteten
befanden sich fünfzehn Kinder; 36 weitere im Alter zwischen neun und
fünfzehn Jahren liess man Spiessruten laufen, und viele mehr wurden wegen
strafbarer Handlungen mittels Hexerei öffentlich geschlagen.
Ein letzter Musterfall, der 1675 im Norden Englands dokumentiert wurde,
forderte nur zwei Menschenleben, zeigte jedoch die schrecklichen
Konsequenzen, die sich aus den unglaublichsten Lügengeschichten von Kindern
ergeben konnten. Die Tragödie begann, als die sechzehnjährige Mary Moor aus
Clayton, Yorkshire, Susan Hinchcliffe und deren Tochter Anne bezichtigte,
Martha Haigh, eine Nachbarin, durch Hexerei töten zu wollen. Auch Susan
Hinchcliffes Ehemann Joseph wurde mit der Verschwörung in Zusammenhang
gebracht. Als das Ehepaar zum Erscheinen vor dem nächsten Assisengericht
verpflichtet wurde, entrüstete sich die Gemeinde und verfasste eine
Bittschrift, in der die Einwohner ihre Überzeugung ausdrückten, dass die
Angeklagten unschuldig seien, und darauf hinwiesen, dass Mary Moor eine
keineswegs glaubwürdige Zeugin sei. Die seelische Belastung war für Joseph
Hinchcliffe jedoch zu stark, und er erhängte sich in einem Wald in der Nähe
seines Hauses. Als seine Leiche vier Tage später gefunden wurde, war Susan
Hinchcliffe aus Kummer und Angst ebenfalls gestorben. Das letzte, was sie
auf dem Totenbett tat, war, ein Gebet für ihre Ankläger zu sprechen. |