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Französischer Jurist, der
1609 in einer von ihm angestifteten viermonatigen Hexenjagd in der
Baskenregion nördlich der Pyrenäen etwa sechshundert angebliche Hexen zum
Tode verurteilte. Von Heinrich IV. von Frankreich in die Region Labourd
geschickt, um dort die Hexenseuche auszurotten, die in der Gegend wüten
sollte, verbreitete de Lancre unter der dortigen Bevölkerung Furcht und
Schrecken, als er ungezählte Männer, Frauen und Kinder vor Gericht zerren
liess. De Lancre, der die Sprache und Kultur der Basken verachtete, bediente
sich seiner umfangreichen Kenntnis der Hexentheorie und der gerichtlichen
Verfahrensweise, um die Verdächtigen aufgrund fadenscheinigster Beweise zu
verurteilen. Oftmals erhob er Anklagen auf der Basis unbewiesener
Anschuldigungen, die von unmündigen Kindern stammten.
De Lancre, der aus einer in Bordeaux ansässigen wohlhabenden Familie
stammte, sah sich selbst als Kämpfer, der den durch die einstige
richterliche Nachsicht entstandenen Schaden wiedergutmachte und jede
Hexenverbrennung als moralischen Sieg ansah. Die Gefahren des Hexenwesens
waren ihm zum erstenmal ins Bewusstsein gedrungen, als er 1599 auf dem Weg
ins Gelobte Land war und, wie er behauptete, auf der Durchreise in Rom ein
Mädchen gesehen hatte, das vom Teufel in einen Jungen verwandelt wurde. Als
Richter nahm er jede Gelegenheit wahr, Hexen aufzuspüren und strafrechtlich
zu verfolgen - ein Diensteifer, mit dem er 1609 das Vertrauen Heinrichs IV.
gewann.
Die Ergebnisse seiner Untersuchungen in baskischen Region überzeugten de
Lancre, er eine gewaltige hochorganisierte Hexenverschwörung aufgedeckt
hatte, deren Ziel es war, die christliche Welt zu vernichten. Unter Leitung
des Teufels persönlich wurde ein hierarchisch geordnetes Heer von Hexen mit
Zeremonien, einem anerkannten Pantheon diabolischer Heiliger und einem
komplexen System von Hexenzirkeln versammelt, die gemeinsam ihre Ziele zu
erreichen suchten. Um allen Bezichtigungen, er leide unter Verfolgungswahn,
entgegenzutreten, verwies de Lancre auf die Ähnlichkeiten zwischen den
vermeintlichen Verbrechen der Hexen überall in Europa und leitete daraus
einen gemeinsamen antichristlichen Vorsatz ab. Als Beweis für diesen Vorsatz
hob er den blasphemischen Charakter vieler Zeremonien hervor, die die
Verdächtigen dem Vernehmen nach abhielten und bei denen anstelle von Jesus
Christus der Teufel angebetet wurde. Er, Pierre de Lancre, habe Geständnisse
gehört, in denen die Hexen zugaben, vor dem Teufel auf die Knie gefallen zu
sein, Christus verleugnet und ihrem Meister mit Worten wie „Grosser Herr,
den ich bewundere” gehuldigt zu haben.
Besonders entsetzten de Lancre die Geistlichen, die sich als Hexenmeister
entpuppt hatten und nun zusammen mit den Frauen vor Gericht gestellt wurden.
Er bekannte, dass es ihn mit Erstaunen und Abscheu erfülle, wenn manche
Hexen vor ihm behaupteten, sich auf die Hexensabbate mit ihren Gelagen,
Tänzen und Orgien gefreut zu haben. Er berichtete, dass sie „die Zeit wegen
des Vergnügens und des Glückes, das sie dort genossen, als zu kurz
empfanden, so dass sie mit unendlichem Bedauern auseinander gingen und sich
nach der Zeit sehnten, da sie wiederkommen konnten”.
Das Überhandnehmen der Hexen in der Region von Labourd, wo nach de Lancres
Schlussfolgerung die gesamte Bevölkerung vom Hexenwesen verdorben war, liess
sich nach Meinung des Juristen mit der geographischen Abgelegenheit des
Gebietes erklären. Nachdem die „Pestilenz” im späten fünfzehnten Jahrhundert
aus Bearn in die Region von Labourd gelangt sei, habe sie sich jahrelang im
verborgenen ausgebreitet, ohne dass es von jemandem in der Welt rundum
bemerkt worden sei.
De Lancre unterschied zwei Arten der Hexerei. In seinen Augen bildeten
Hexen, die auf die Giftmischerei spezialisiert waren, eine gesonderte
Gruppe. Hier muss erwähnt werden, dass nur wenige Autoritäten diese
Kategorisierung unterstützten. Seine Beschäftigung mit Fällen vermeintlicher
Verwandlung überzeugte ihn indes von der tatsächlichen Existenz der
Lykanthropie als einer weiteren Manifestation des Bösen im Baskenland.
De Lancre hinterliess in mehreren Büchern ausführliche Berichte über seine
Aktivitäten gegen das Hexenwesen, die weitverbreitet waren und häufig von
anderen Hexenrichtern zu Rate gezogen wurden. Er beschrieb seine Methoden
der Hexenjagd und die Prozesse, mit denen er zu tun hatte, in einem
sechshundert Seiten langen Buch mit dem Titel Tableau de l'inconstance des
mauvais Anges - Beschreibung der Treulosigkeit gefallener Engel, das 1612
erschien. Andere Werke aus seiner Feder waren L'incredulite et mescreance du
sortilege - Unglaube und Irrglaube der Zauberei aus dem Jahre 1622 und Du
sortilege - Über die Zauberei, das 1627 veröffentlicht wurde. Beobachter
seiner Zeit, darunter auch der Abbe Laurent Bordelon, trachteten danach, de
Lancres Schriften ins Lächerliche zu ziehen, indem sie berühmte Parodien auf
dessen Tableau de l'inconstance publizierten, doch eine weit grössere Zahl
von Menschen nahmen de Lancres Worte für bare Münze und benutzten dessen
Theorien, um ihre eigenen Hexenjagden zu rechtfertigen. |