|
Ein Kuss kann vieles
andeuten - von einfacher Zuneigung bis zu Demut, Ehrerbietung, Respekt und
sinnlicher Begierde. Im Hexenwesen war der „obszöne Kuss”, bei dem die
Hexenneulinge den Teufel „unterhalb des Schwanzes” mit den Lippen berühren
mussten, ein wichtiges Merkmal der Taufzeremonie. Er wurde auch zu allen
Hexensabbaten, an denen der Teufel teilnahm, als Erneuerung des Treueids
wiederholt. Eine Erwähnung solcher Rituale findet sich bereits in Schriften
aus dem drei-zehnten Jahrhundert sowie in Verbindung mit den Waldensern, den
Tempelrittern und anderen häretischen Sekten.
Die meisten Berichte lassen darauf schliessen, dass der Teufel üblicherweise
in Gestalt eines Tieres erschien, um sich mit dem obszönen Kuss huldigen zu
lassen, was das Ritual für das christliche Denken doppelt abstossend machte.
Verschiedenen Hexengeständnissen zufolge liess sich der dämonische Meister
mitunter als Ente, Eber, Gans oder Kröte küssen, doch häufiger
materialisierte sich der Teufel dazu in seiner bekannten ziegenköpfigen
Gestalt. Agnes Sampson, eine der Hexen von North Berwick, und andere, die
zugaben, bei ihren Sabbaten das Hinterteil des Teufels geküsst zu haben,
berichteten, dass sich seine Haut eiskalt angefühlt habe und dass bei der
Ausführung der Zeremonie alle Erinnerung an ihre frühere katholische
Frömmigkeit dahingeschwunden sei. Der französische Hexenjäger Pierre de
Lancre behauptete, eine Hexe aus Südwestfrankreich habe verraten, dass der
Teufel unter seinem Schwanz ein zweites, schwarzhäutiges Gesicht habe, das
dessen Untergebene küssen müssten. Andere Hexen bekannten, die Fussspuren
des Dämons Beelzebub geküsst zu haben.
Der fünffache Kuss der neuzeitlichen Hexenzeremonien ist eine Form der
Ehrerbietung, die beim „Tanz des Rades”, einem Ritual zur Feier der
Wintersonnenwende, von den männlichen Mitgliedern der Hexenzirkel gefordert
wird. An einem bestimmten Punkt des Tanzes stellen sich die männlichen mit
den weiblichen Hexen zu Paaren zusammen, worauf die Männer den Frauen mit
fünf Küssen auf die Füsse, die Knie, die Lenden, die Brüste und die Lippen
huldigen. Die Frauen verbeugen sich zum Dank, und das Fest zur
Wintersonnenwende geht weiter. Zu anderen Gelegenheiten können auch die
Frauen diese Zeremonie bei den Männern ausführen. |