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Die Kunst des Weissagens
und der Entdeckung geheimen Wissens durch das Hineinblicken in einen
Spiegel, eine Kristallkugel oder eine andere reflektierende Fläche wie
beispielsweise die auf Hochglanz polierte Schneide eines Schwertes. Die
Reflexion wurde einst als etwas Magisches angesehen und galt manchen
Theorien zufolge als die sichtbare Manifestation der Seele eines Menschen.
Daher stammt die Überlieferung, nach der jeder, der seine Seele dem Teufel
verkauft hat, kein Spiegelbild mehr besitzt. Solche Reflexionen in Spiegeln
oder im Wasser konnte man über die Zukunft befragen: Bewegten sie sich, oder
lösten sie sich auf, dann verhiess das meist etwas Schlechtes.
Manche Spezialisten auf diesem Gebiet betrieben die Kristallomantie, die
auch unter der Bezeichnung Kristallsehen bekannt ist, um Hexen und Diebe
auszurotten, indem sie einem Nachfragenden das Gesicht des Missetäters in
ihrem Spiegel enthüllten. Diese Methode bot sich auch fair die Suche nach
verlorengegangenem Eigentum oder vermissten Personen oder für die
Kontaktaufnahme mit Geistern an. Nur Menschen reinen Herzens waren angeblich
in der Lage, mit guten Geistern zu kommunizieren; daher wurden viele kleine
Kinder als Kristallseher angestellt.
Im Mittelalter war die Kristallomantie sehr weit entwickelt und genoss
selbst an Königshöfen hohes Ansehen. Nicht jeder konnte diese Kunst
meistern; Wahrsager, die behaupteten, solche Kräfte zu besitzen, waren sehr
gesucht. Fähige Kristallseher wurden berühmt und verkehrten mit den Höchsten
im Land, obgleich sie riskierten, von ihren Feinden wegen des Umgangs mit
dem Teufel verklagt oder in den Geruch einer Hexe oder eines Hexenmeisters
zu kommen.
Unter diesen Individuen der Zeiten Elisabeths und Jakobs, in denen die
Kristallseher hochgeachtete Personen waren, tat sich Dr. John Dee hervor,
der sein Können in den Dienst des englischen Hofes stellte und neben anderen
Ereignissen beispielsweise die Pulververschwörung von 16os voraussagte. Wie
viele andere, war auch Dee nicht selbst in der Lage, im Spiegel oder in
seinem Fall in der Kristallkugel etwas zu sehen, und musste deshalb jemanden
anstellen, der ihm als Vermittler diente. Sein erster Assistent war der sehr
angesehene Barnabas Saul, der Dees Fragen an den Engel Annael weitergab, zu
dem er vorgeblich Kontakt hatte. Dees Assistent wurde schliesslich als
Betrüger entlarvt, und an seine Stelle trat der bekannte Edward Kelly, der
die notwendige Verbindung zwischen Dee und einer Reihe von Geistern
herstellte, die verschiedentlich mit Namen wie Madini und Engel Uriel
bezeichnet wurden.
Einem weit verbreiteten Glauben zufolge durften die Kristallkugel oder der
Spiegel, die für die Kristallomantie benutzt wurden, niemals berührt werden,
da dies ihre Wirkung verringerte. Auch sollte das mehrmalige Bewegen der
rechten Hand über der Oberfläche im Spiegel oder in der Kugel Bilder
erscheinen lassen. |