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Der Inbegriff der Hexe in
der Volksphantasie war ein altes Weib, das darauf aus war, Übles zu tun, und
dem es Freude bereitete, anderen im Namen ihres teuflischen Meisters Pein
und Unglück zuzufügen. In schwarze Lumpen gehüllt, den Kopf mit einem hohen
spitzen Hexenhut bedeckt, von einem Hausgeist in Gestalt einer Katze, eines
Vogels oder eines anderen Tieres begleitet, verhielt sie sich
unverbesserlich übelwollend und geringschätzig gegenüber jenen, die sie für
ihr Wesen zu tadeln suchten. Eine alte Überlieferung besagte, dass Hexen
normalen menschlichen Empfindungen und Sympathien so gleichgültig
gegenüberstünden, dass sie sogar unfähig seien zu weinen.
Die Tatsache, dass die Mehrzahl der Hexen weiblichen Geschlechts war,
erklärten Generationen von Dämonologen damit, dass Frauen geschwätziger
seien, ihre Geheimnisse mit anderen schneller als Männer teilten, dass sie
leicht-gläubiger und leichter zu beeindrucken seien. Frauen waren angeblich
auch gegen Halluzinationen anfälliger als Männer. Die Begriffe „Hexe” und
„Zauberer” waren trotz der Tatsache, dass beide die Dämonen um Hilfe bei
ihren Werken anrufen konnten, genaugenommen keine Synonyme, denn die Magie
des Zauberers war nicht in erster Linie auf die Zerstörung des Christentums
gerichtet, so wie es bei echten Hexen angeblich der Fall war.
Im Laufe der Zeit entwickelten die Dämonologen eine detaillierte
Hexenmythologie; dabei waren sie sich über die körperlichen Eigenschaften
einer Durchschnittshexe meist einig und beschrieben sie als alt, bösartig
und abstossend hässlich. Die Darstellung, die Samuel Harsnett, der
Erzbischof von York, 1599 in seiner Schrift Declaratiou of Popish Impostures
lieferte, war typisch dafür:
... ein altes, verwittertes Weib, dessen Kinn und Knie sich vor Alter
treffen, das wie ein Bogen umherläuft und sich auf einen Stock stützt;
hohläugig, zahnlos, mit zerfurchten Gesicht, mit zitternden Gliedern, geht
sie murmelnd durch die Strassen; so eine hat ihr Vaterunser vergessen und
hat noch immer eine scharfe Zunge, um eine Dirne eine Dirne zu nennen.
Die Darstellung einer Hexe in einem englischen Weihnachtsbuch aus dem Jahre
1700 zeigt, wie wenig sich dieses populäre Bild in den hundert Jahren
geändert hatte, in denen es zu den schlimmsten Exzessen des Hexenwahns
gekommen war: „Eine Hexe muss eine hässliche alte Frau sein, die in einer
kleinen heruntergekommenen Hütte am Fusse eines Hügels im Wald lebt, sie
muss häufig vor der Tür sitzen und spinnen; sie muss eine schwarze Katze,
zwei oder drei Besen, einen oder zwei Kobolde und zwei oder drei teuflische
Saugwarzen haben, an denen sie ihre Kobolde nährt.”
In vielen Fällen wurde das populäre Bild der urtypischen Hexe von der
Wirklichkeit bestätigt. Die Hexenriecher hielten bei ihren Hexenjagden
Ausschau nach leichter Beute und zeigten dabei eine deutliche Vorliebe für
unwissende, betagte Frauen, die meist als Ausgestossene am Rande der
Gesellschaft lebten. Es war gewöhnlich nicht schwierig, die Nachbarn zu
Bezichtigungen gegen solche verdächtigen Personen zu überreden, die sich mit
ihrem seltsamen Wesen und unfreundlichen Verhalten viele Feinde gemacht
hatten und schon jahrelang in einem schlechten Ruf standen. Jeder Mensch mit
schielendem Blick, mit Augenbrauen, die sich über der Nasenwurzel trafen,
oder mit einem im grossen und ganzen unattraktiven Äusseren zog von Natur
aus die Aufmerksamkeit der Hexenjäger auf sich, und die Entdeckung von
Warzen oder Narben, die zu Teufelsmalen oder Hexenmalen umgedeutet wurden,
bestätigte schnell den Verdacht gegen eine solche Person. In Schottland galt
jeder, der ein Muttermal oberhalb des Mundes hatte, als Hexe oder Hexer. Man
konnte aber auch aus anderen Gründen als Hexe verdächtigt werden: War
jemandes Mutter eine Hexe gewesen, dann bestand die Gefahr, dass das Kind
deren Kräfte geerbt hatte und in die Fussstapfen der Mutter treten würde.
Einer langen Tradition zufolge konnte eine Hexe nicht sterben, ehe sie nicht
ihre besonderen Kräfte an jemanden weitergegeben hatte.
Der Historiker Sir Charles Oman unterteilte die englischen Hexen in vier
Klassen: Demnach gab es bewusste Scharlatane, Hexen, die glaubten, dank
besonderer Kräfte wirklich jemandem schaden zu können, Geisteskranke und die
Opfer der Folter oder anderer Druckmittel. Die Analyse von noch erhaltenen
englischen Berichten aus den hundert Jahren, die dem Prozess gegen die Hexen
von St. Osyth 1566 folgten, macht deutlich, dass über neunzig Prozent der
verurteilten englischen Hexen Frauen waren. Fünfundachtzig Prozent davon
waren über fünfzig Jahre alt, und vierzig Prozent waren Witwen. Sie stammten
fast ausnahmslos aus den niedrigsten Klassen der Gesellschaft; viele waren
Bettlerinnen.
Es war jedoch - besonders auf dem europäischen Kontinent - nicht
ungewöhnlich, dass auch junge, schöne Frauen als vermeintliche Hexen
identifiziert wurden; vielleicht wollten lüsterne Richter die Macht
geniessen, die sie über ihre Opfer ausüben konnten. Anklagen mit einem
solchen Hintergrund fanden keine Unterstützung durch die Kirche, die
offensichtlich fürchtete, dass Beschreibungen von jungen und begehrenswerten
Hexen noch mehr Menschen ermutigen würden, sich solcher Ketzerei
anzuschliessen.
Das Klischee, das man in England akzeptiert hatte, setzte sich auf dem
Kontinent im allgemeinen weniger gut durch. Obwohl hier genau wie in England
ziemlich viele betagte Frauen verdächtigt und als Hexen verurteilt wurden,
war die Mehrzahl von ganz anderer Art. Das Engagement der Inquisition von
den frühesten Anfängen der Hexenverfolgung an hatte zur Folge, dass
Hexenjäger und Richter gleichermassen darauf achteten, Schuldsprüche für
wohlhabendere Hexen zu erwirken, deren Reichtum zur Erstattung der Kosten
und zum Auffüllen der Geldbörsen der Gerichtsbeamten wie auch der
Inquisitoren konfisziert werden konnte. Unter den Opfern des Hexenwahns in
Deutschland waren beispielsweise hochstehende Angehörige von Universitäten,
geachtete Kaufleute sowie deren Familien; selbst Bürgermeister waren vor der
Verfolgung nicht sicher. Jeder, der durch Reichtum, Beliebtheit, Wissen oder
gutes Aussehen den Neid anderer hervorrief, lief Gefahr, von seinen Feinden
als Hexe denunziert zu werden. Jenen, die gegen die Auswahl solcher Opfer
protestierten, wurde die Antwort zuteil, dass der Teufel schlau genug sei,
seine Günstlinge als die achtbarsten, rechtschaffensten und ehrlichsten
Menschen der Welt zu tarnen. Ebenso schien es keine Altersbeschränkung zu
geben: Jeder, vom Kleinkind angefangen bis hin zu den betagten Grosseltern,
konnte schrecklichen Folterungen unterworfen und verbrannt werden.
Nach Auffassung der europäischen Dämonologen liessen sich die Hexen auf
unterschiedliche Weise einteilen. Schwester Madeleine de Demandoly, eine der
Nonnen von Aix-en-Provence, versuchte sich mit einer eigenen Version der
Hierarchie, wie sie sie angeblich bei den Hexensabbaten kennengelernt hatte:
... die alten Vetteln und Hexen, die Leute von schäbigem und niedrigem Stand
sind, und deren Geschäft und Brauch es ist, Kinder zu ermorden und sie zu
den Sabbaten mitzubringen, nachdem sie schon begraben waren, sind die
ersten, die kommen, um dem Fürsten der Synagoge zu huldigen ... An zweiter
Stelle kommen die Zauberer und Zauberinnen, die Leute von mittlerem Stand
sind, und deren Amt es ist, zu hexen und Zauberformeln zu verbreiten ... An
dritter Stelle kommen die Magier, die Männer von Lebensart und Leute von
höherem Rang sind; ihre Aufgabe ist es, Gott zu lästern, soviel sie nur
können.
Andere versuchten, die Hexen nach der Art ihres Wirkens zu unterteilen. John
Wycliffe beispielsweise teilte sie in Wahrsager, Rutengänger, Zauberinnen,
Hellseher und verschiedene niedrigere Klassen ein. Der hochwürdige John
Gaule, der 1646 als Hexer verurteilt wurde, zählte acht Typen auf
Rutengänger, Astrologen, Hexen, die sich der Magie der Zeichen und Zahlen
bedienten, Giftmischerinnen, Exorzisten oder Beschwörer, Feinschmeckerhexen,
Zauberhexen und Totenbeschwörer.
War ein Opfer erst einmal als Hexe identifiziert, dann legte man ihm alle
Arten von Maleficia zur Last, angefangen von Erkrankungen des Viehs und
Missernten bis hin zu Seuchen, Unwettern und Morden. Zu den typischen
Anklagepunkten gehörten das Verwandeln, das Buhlen mit dem Teufel, das
Fliegen auf Besen, die Schändung der Hostie und das Halten von Hausgeistern.
Es bekannten sich jedoch nicht alle Hexen zu üblen Machenschaften; viele
betonten, weisse Hexen zu sein, und nur nützliche Werke zu verrichten. |