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Die Anrufung
übernatürlicher Kraft, um einer Person oder einer Sache Schaden zuzufügen.
Die Fähigkeit, einen wirksamen Fluch gegen einen Feind zu richten, galt als
eine der grundlegenden Fertigkeiten jeder Hexe. Nur wegen der angeblichen
Anwendung dieser Art schwarzer Magie gegen ihre Feinde wurden überall auf
dem europäischen Kontinent Tausende Menschen vor die Obrigkeit gebracht.
Auch in England kam es häufig zu Hexenprozessen, weil jemand eine Verbindung
zwischen einem Unglücksfall und dem Fluch einer alten Frau herstellte, den
diese ausgesprochen hatte, nachdem sie beleidigt oder in Schwierigkeiten
gebracht worden war.
In manchen Fällen schworen die Hexen auf ihre eigenen, speziellen
Prozeduren, um ihre Flüche doppelt wirksam zu machen, doch meist genügte ein
einfacher Spruch, um Schaden anzurichten. Die in den Skandal uni die Hexen
von Somerset verwickelten Menschen glaubten beispielsweise, dass die Worte „Hol's
die Pocken!” ausreichten, um dem Urheber einer Feindschaft - einer Person,
einem Tier oder einem Gegenstand - zu schaden. Der Fluch brauchte allerdings
nicht unbedingt ausgesprochen zu werden: Einfaches „übelwollen” galt als
gleichermassen wirksam, obwohl dies für gewöhnlich von irgendeiner Geste wie
Spucken, dem ausgestreckten Zeigefinger oder einem durchdringenden Blick
begleitet sein musste.
In der europäischen Gesellschaft des sechzehnten und siebzehnten
Jahrhunderts war der Glaube an die Macht eines Fluchs oder eines Zaubers so
stark, dass man viel unternahm, um die Beziehung zu einer vermeintlichen
Hexe, die man beleidigt hatte, wieder in Ordnung zu bringen. Die Menschen
machten die Schäden wieder gut oder nahmen die Beleidigungen zurück, die den
Fluch provoziert hatten, indem sie der „Hexe” Geschenke anboten oder einen
anderen Gefallen taten, damit sie den Fluch wieder aufhob. Aus dem, was uns
überliefert ist, erscheint es denkbar, dass manche vermeintliche Hexe die
Angst vor ihren Flüchen bewusst ausnutzte. Dieser gewagte Trick konnte
allerdings auch höchst gefährlich werden, wenn ein Opfer die Sache vor die
Obrigkeit brachte.
Ein Beispiel für das Vertrauen, das das einfache Volk in die Kraft der
Hexenflüche setzte, war die oftmals wiederholte Erzählung von Alice
Trevisard, einer angeblichen Hexe aus Dartmouth. Der Überlieferung nach
stritt sie sich eines Abends mit einem Matrosen namens William Tompson, der
daraufhin mit seiner Muskete auf sie einschlug. Mit der Bemerkung „Du
hättest besser daran getan, mir nicht zu begegnen.” machte sich Alice
Trevisard aus dem Staub, doch Tompson hatte in den darauffolgenden Monaten
guten Grund, sich der Drohung zu erinnern. Auf seiner nächsten Fahrt ging
sein Schiff nach einem rätselhaften Feuer unter, und er wurde für ein Jahr
von den Portugiesen ins Gefängnis gesperrt. Als Tompson schliesslich nach
Hause zurückkehrte, machte Alice Trevisard seine Frau darauf aufmerksam,
dass die Tage im Gefängnis noch nicht vorüber seien; tatsächlich wurde er
kurze Zeit darauf von den Spaniern gefangengenommen und musste die folgenden
zwei Jahre in einem ihrer Kerker zubringen. Die abergläubischen Einwohner
von Dartmouth zögerten nicht, eine Verbindung zwischen der Drohung der Frau
und Tompsons Missgeschicken herzustellen.
In anderen weithin bekannt gewordenen Fällen starben die Opfer von
Hexenflüchen nach Krankheiten oder Unfällen eines qualvollen Todes oder
litten unter harmloseren Folgen, nachdem sie sich den Zorn einer alten Frau
aus der Nachbarschaft zugezogen hatten. Zu den weniger schlimmen Folgen von
Verwünschungen gehörte das Erbrechen grosser Mengen von seltsamen
Gegenständen, die von Steinen und Kohlestücken bis zu Nadeln, Stroh und
Knöpfen reichten. Margaret Holyday, ein achtzehnjähriges Dienstmädchen aus
Saxmundham, das 1672 von den Auswirkungen eines Fluches heimgesucht wurde,
erbrach Haarnadeln, Knochen, Eierschalen, Messingstücke und andere
ungewöhnliche Dinge. Die Pein endete erst, nachdem Margaret mehrere Nadeln
ausgespieen hatte, die säuberlich in einer Reihe in einem Stück blauem
Papier steckten.
Ein beeindruckendes Beispiel von Unternehmergeist, der mitunter selbst in
solchen Angelegenheiten eine Chance witterte, war das einst florierende
Gewerbe des Kaufs und Verkaufs von Flüchen - eine Praxis, die bis in die
Zeit des alten Griechenland zurückreicht. Solche Flüche wurden gewöhnlich in
Form von Zaubersprüchen oder Zaubertränken verkauft und konnten gegen
bestimmte Personen oder ganze Familien gerichtet werden, wobei sie ihren
unheilvollen Einfluss Jahrhunderte hindurch auch auf die nachfolgenden
Generationen ausübten. Typisch für diese Erscheinung war der Fluchbrunnen
von St. Elian in Llanelianyn Rhos bei Colwyn Bay in Wales, wo die Leute bis
ins späte neunzehnte Jahrhundert hinein kleine Geldbeträge zahlten, uni
Bleikästchen mit Flüchen gegen ihre Feinde in den Brunnen werfen zu dürfen.
Die Opfer dieser Flüche konnten nötigenfalls jedoch den Besitzer des
Brunnens bestechen, damit er ihnen das Kästchen mit dem Fluch wieder
herausfischte. Andere Gegenden rühmten sich ihrer „Fluchsteine”, zu denen
die Hexen kamen, um schreckliche Verwünschungen gegen ihre Feinde
auszusprechen.
Selbst im zwanzigsten Jahrhundert lässt die Idee des Fluchs viele Menschen
in grosser Angst leben, was ein Fall aus den zwanziger Jahren deutlich
gemacht hat: In dieser Zeit wurde im Tal der Könige das Grab des Tutanchamum
entdeckt und geöffnet. Als mehrere Personen, die an der Ausgrabung des
berühmten archäologischen Fundes beteiligt waren, eines vorzeitigen und
rätselhaften Todes starben, ging das Märchen um, dass damit das Eindringen
in die Grabstätte bestraft würde, wie es ein Fluch angedroht habe, der
angeblich als Inschrift über dem Eingang gestanden habe (und nun auf
mysteriöse Weise verschwunden ist).
In manchen primitiven Gesellschaften ist die Macht des Fluches nach wie vor
ungebrochen. Es gibt viele dokumentierte Fälle von Opfern, die unter einem
stetigen physischen und psychischen Verfall zu leiden beginnen, der sogar
zum Tode führen kann, wenn sie erfahren haben, dass sie jemand verflucht
hat. Sogar in Westeuropa sind vor relativ kurzer Zeit mehrere
aussergewöhnliche Fälle ans Licht gekommen, in denen Menschen, die von einer
Reihe von Unglücksfällen verfolgt wurden, die Behauptung aufstellten, ein
Feind habe sie durch Verfluchen psychisch beeinträchtigt. Um nur ein
Beispiel dafür zu nennen: 1953 erschoss ein Viehzüchter in Arizona eine
Frau, von der er und seine Nachbarn glaubten, sie habe seine Ehefrau mit
einem Fluch belegt. |