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Hexenwesen, Hexerei, Magie
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Chambre-Ardente-Prozess

Skandal um das Hexenwesen, der während der Herrschaft Ludwigs XIV. die Oberschicht der französischen Gesellschaft erschütterte. Die Angelegenheit begann mit Befürchtungen, dass einige Mitglieder des französischen Adels durch Gifttränke von einem geheimen internationalen Ring getötet worden seien, der Aristokraten in mehreren Ländern mit Giften belieferte. 1677 befahl der König dem Polizeichef von Paris, Nicolas de la Reynie, Untersuchungen anzustellen. Reynie, dessen Verdacht bereits durch den Fall der Marquise von Brinvilliers geweckt worden war, entlarvte mehrere Anführer des Ringes, darunter Adlige, einen Rechtsanwalt und einen Bankier. Er beschlagnahmte auch Giftvorräte, die an verschiedenen Orten in ganz Frankreich versteckt waren. Bei den Vernehmungen während des darauffolgenden Jahres gelang es nicht, die Namen von anderen Mittätern in Erfahrung zu bringen, und die Spur hätte sich ohne die zufällige Bemerkung einer Wahrsagerin namens Marie Bosse, die Beziehungen zu hochstehenden Personen hatte, fast im Nichts verloren. Marie Bosse brüstete sich bei einer Abendgesellschaft damit, dass es nur noch dreier Giftmorde bedürfe, und sie sich dann zur Ruhe setzen könne. Ein Jurist, der zufällig unter den Gästen war, benachrichtigte daraufhin die Polizei.
Reynie stellte Marie Bosse eine Falle, indem er eine Agentin in der Rolle einer unglücklichen Ehefrau auftreten liess, die ihren Mann loswerden wollte. Nachdem sie von der Verdächtigen eine Flasche Gift erhalten hatte, drang die Polizei in die Wohnung ein und verhaftete Marie Bosse sowie eine andere Wahrsagerin, La Dame Vigoreux - die ehemalige Geliebte von Marie Bosses zwei früheren Ehemännern -, deren Tochter und die beiden Söhne, die man alle im selben Bett schlafend entdeckte.
Marie Bosse und La Dame Vigoreux wiesen alle Anschuldigungen zurück, doch nannten mehrere ihrer Kunden, darunter die hochgestellte Madame von Poulaillon, die erste von mehreren hundert Höflingen, deren Identität den Behörden in diesem Zusammenhang preisgegeben wurde. Es wurde bekannt, dass Madame von Poulaillon versucht hatte, ihren alten Ehemann zu vergiften, um in den Besitz seines Vermögens zu gelangen und sich ihrem Liebhaber widmen zu können. Der alte Mann jedoch hatte die Gefahr geahnt und war in ein Kloster geflohen. Von den beiden Frauen wurden auch ein Mann namens Vanens, ihre Kontaktperson zu dem Giftring, sowie die berühmte Wahrsagerin Catherine Deshayes, bekannt als La Voisin, angegeben. Catherine Deshayes sollte ihren ersten Ehemann vergiftet, Liebestränke zubereitet, Abtreibungen vorgenommen und Gift an Personen mit guten Verbindungen zur Gesellschaft verkauft haben und dadurch sehr reich geworden sein. Sie hatte in ihrem Garten auch eine Kapelle errichten lassen, wo sie und ausgewählte Gefährten die „alten Götter” Astarot und Asmodi anbeten konnten. Dieser Kreis unter Leitung von La Voisin entpuppte sich als ein Hexenzirkel mit Beziehungen zu höchsten Kreisen. Zu den Gästen der schwarzen Messen, die in der Kapelle abgehalten wurden, gehörten Verlautbarungen zufolge Prinzessinnen, Höflinge, der Scharfrichter und der Herzog von Buckingham.
Ludwig XIV. erkannte den Skandal, der seinem Hof drohte, und setzte eine Sonderkommission ein, die den Anschuldigungen nachgehen sollte. Die Kommission wurde unter dem Namen „Chambre Ardente” bekannt, da ihre Verfahren in einem schwarz verhängten, durch Kerzen erhellten Raum stattfanden. La Voisin und Marie Bosse beschuldigten sich gegenseitig und nannten dann einen anderen Klienten des Hexenzirkels und La Lepere, eine dritte Mittäterin, die als Abtreiberin bekannt war. Bei der Befragung durch das Gericht erhob sie Einspruch dagegen, Jungfrauen und Schwangeren ihre Hilfe angeboten zu haben. Ein anderer Zeuge behauptete hingegen, sie habe den Tod von ungefähr zweitausendfünfhundert Säuglingen verursacht, von denen viele jetzt in einem Garten im Pariser Vorort Villeneuvesur Gravois begraben lägen. Es kam auch zutage, dass sich La Voisin mit Hilfe von Gift ihres Ehemannes entledigt und an die Witwe des verstorbenen Präsidenten des französischen Parlaments sowie an den Cousin eines der Richter in diesem Prozess Gift verkauft hatte.
Um die Affäre zu beenden, bevor weiterer Schaden entstand, verurteilte die Sonderkommission Marie Bosse und La Vigoreux zum Tode durch Verbrennen und Francois Bosse, einen ihrer Söhne, zum Tod durch Erhängen, während Madame de Poulaillon ins Exil geschickt wurde. Die Untersuchungen gingen jedoch weiter, und es wurden höhergestellte Verdächtige entlarvt, unter ihnen auch der Schauspieldichter Jean Racine, der zwar eine Haftstrafe erhielt, sie aber nicht antrat.
Am 23. Januar T68o erhielt der schwelende Skandal von neuem Nahrung. Die Gräfin von Soisson, die Marquise d' Allnye, die Marquise von Polignac, Madame von Tingry, die Herzogin von Bouillon, die Marquise von Roure, der Herzog von Luxemburg und der Marquis von Feuquieres wurden verhaftet und ins Gefängnis gebracht oder schafften es, zu entkommen und das Land zu verlassen.
Die Notwendigkeit, bezüglich so berühmter Gefangener unumstössliches Beweismaterial zu beschaffen, veranlasste Reynie, härteste Massnahmen gegen die Verdächtigen zu ergreifen, von denen die Standespersonen denunziert worden waren. La Voisin und die anderen wurden solch schrecklichen Folterungen wie den Spanischen Stiefeln, der Streckbank und der Wasserfolter unterworfen, bei der man ihnen zwangsweise acht Krüge Wasser einflösste. Als La Voisin sich weigerte zu sprechen, schlug der oberste Vertreter der Anklagebehörde vor, ihr die Zunge und die Hände abzuschneiden, doch das Gericht beschränkte sich darauf, sie zum Feuertod zu verurteilen. Man sagt, sie habe die Nacht vor ihrer Hinrichtung mit anderen Mitgliedern des Hexenzirkels, die in derselben Zelle eingesperrt waren, in „skandalösen Ausschweifungen” verbracht. Das Todesurteil wurde am 22. Februar 168o vollstreckt. La Voisin bestand bis zum Schluss darauf, keine Hexe zu sein, und stiess mehrfach das um sie herum aufgeschichtete brennende Holz beiseite, bis man sie schliesslich überwältigte.
Eine andere Wahrsagerin mit dem Namen Lesage wurde durch Folter zu einem Geständnis gezwungen, das Pater Davot und Abbe Mariette in den Fall hineinzog, die offenbar in La Voisins Kapelle und anderswo über den Leibern nackter Mädchen schwarze Messen gelesen hatten. La Filastre, eine weitere Wahrsagerin, gestand ein, bei einer schwarzen Messe ihr eigenes Neugeborenes dem Teufel geopfert zu haben. Madame von Lusignan war angeklagt, mit ihrem Priester nackt im Wald herumgesprungen zu sein und eine Osterkerze zu obszönen Zwecken missbraucht zu haben. Pater Touret sollte in der Öffentlichkeit Geschlechtsverkehr mit einem Mädchen gehabt haben, das ihm bei einer anderen Zeremonie als Altar gedient habe.
Der sechsundsechzigjährige Abbe Guibourg war ebenfalls angeklagt, schwarze Messen mit nackten Frauen als Altar durchgeführt zu haben. Unter der Folter gestand er den Mord an einem Kind. Er habe ihm die Kehle durchgeschnitten und dann das Blut in einem Kelch aufgefangen; das Herz und die Eingeweide seien bei späteren Messen verwendet, und der Körper für Zutaten zu „Zauberpulvern” geraubt worden. La Voisins sechzehnjährige Tochter und eine der drei Geliebten des Abbe bestätigten diese Darstellung. Auch Einzelheiten von einer anderen Messe wurden bekannt, bei der Guibourg das Menstruationsblut von Mademoiselle von Oeillets mit dem Samen ihres Gefährten und dem getrockneten Blut von Fledermäusen vermischt hatte, um einen Trank herzustellen, der ihren Einfluss auf den König vergrössern sollte.
Reynie war augenscheinlich von den Geständnissen, die er hörte, überzeugt, und schloss: „Ich habe alles, was man mir möglicherweise einreden konnte, dass die Anschuldigungen falsch seien, wieder und wieder überprüft, doch eine solche Schlussfolgerung ist einfach nicht möglich.” Er übersah dabei die Tatsachen, dass die belastenden Aussagen durch grausamste Folterungen erreicht worden waren und dass viele Hauptzeugen von mehr als zweifelhaftem Charakter waren, sich selbst widersprachen und - zumindest im Falle von La Filastre - ihre Geständnisse auf dem Scheiterhaufen zurücknahmen. Er fand jedoch in den Häusern der angeklagten Wahrsagerinnen zwingende Beweisstücke wie Gifte, Wachsbilder, schwarze Kerzen und Bücher, die über die Praktiken der schwarzen Magie detailliert Auskunft gaben. Angesichts solcher Beweise glaubte nicht nur Reynie, sondern die Mehrheit der französischen Gesellschaft, dass hier Hexerei erwiesen sei, und der König musste entschieden handeln, um eine gegen seinen degenerierten Hof gerichtete Empörung zu verhindern.
Die „Chambre Ardente” stellte im August 1680 ihre Arbeit offiziell ein. Reynie war jedoch angewiesen worden, den Aussagen über Madame von Montespan, die Mätresse des Königs, im geheimen nachzugehen. Man behauptete, dass sie nach der Einführung in La Voisins Hexenzirkel an verschiedenen Zeremonien unter Leitung von Catherine Deshayes und Abbe Guibourg teilgenommen habe, um ihren besonderen Status als Favoritin des Königs zu erhalten. Bei diesen Zeremonien wurde Madame von Montespan nackt auf den mit Kissen gepolsterten Altar gelegt, während man ihre Bitten um die Gunst des Königs zunächst an den christlichen Gott und dann an die Götter der Unterwelt weitergab. Beim drittenmal, als ihr Einfluss auf den König schon im Schwinden begriffen war, erlaubte sie Guibourg angeblich, die Hostie in ihre Scheide einzuführen und dann mit ihr Geschlechtsverkehr zu haben, während er in ihrem Namen Gebete hersagte. Reynie verbrachte die nächsten zwei Jahre damit, Beweismaterial gegen Madame von Montespan zusammenzustellen, doch sah man von weiteren Aktionen gegen sie - sowie gegen all die anderen Adligen, die in den Fall verstrickt waren -, schliesslich ab. An ihre Stelle als erste Mätresse des Königs trat jedoch die besonnenere Madame von Maintenon, auf die Ludwig 1682 seine Aufmerksamkeit richtete.
Im Verlaufe des Verfahrens waren insgesamt 319 Menschen verhaftet und sechsunddreissig davon hingerichtet worden. Weitere achtunddreissig wurden zu Galeerenarbeit verurteilt oder verbannt. Andere, wie der Abbe Guibourg, liess man als Einzelhäftlinge in französischen Kerkern schmachten, wo sie an die Mauern gekettet waren und kein Wort an die Kerkerwärter richten durften. Ludwig liess später die Wahrsagerei in ganz Frankreich verbieten und sorgte dafür, dass der Verkauf von Giften strenger kontrolliert wurde. Die Hexerei selbst wurde 1682 mit einem Erlass zu Täuschung und Einbildung erklärt; dieser Erlass verkündete das Ende des Hexenwahns in Frankreich. 1709 sollten auf Ludwigs Befehl alle schriftlichen Dokumente der Chambre Ardente vernichtet werden; dennoch blieben einige als Zeugnis eines der aussergewöhnlichsten Hexenskandale, die es je gab, erhalten.

 

 

 

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