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Hexenwesen, Hexerei, Magie
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Cadiere, Marie Catherine geb. 1709

Ein Mädchen aus Frankreich, eine der Hauptfiguren in dem Verfahren, das als letzter grosser Hexenprozess vor einem französischen Gericht bekannt geworden ist. Die tief religiöse Tochter von Catherine Cadiere, eine Witwe aus Toulon, war eine sehr schöne junge Frau. Im Alter von achtzehn Jahren schien sie jedoch ihr weiteres Leben in religiöser Aufopferung führen zu wollen und schloss sich in ihrer Heimatstadt einer Gruppe gleichgesinnter Frauen an, die unter Anleitung von Pater Jean Baptiste Girard, eines geachteten Jesuiten, beteten und meditierten. Catherines Ambition war es augenscheinlich, durch ihre Hingabe eine Heilige zu werden, und das führte sie ihrer Behauptung zufolge dazu, sich um eine besondere Beziehung zu dem Geistlichen zu bemühen. Andere spekulierten, sie habe sich in den fünfzigjährigen Kleriker verliebt, und meinten weiter, dass dies nur das Ergebnis einer Hexerei von seiner Seite sein könne.
Ein Jahr lang bestärkte der Pater Catherine in ihren Hoffnungen, in den Stand der Heiligkeit zu gelangen, doch schliesslich begann er daran zu zweifeln, dass sie jemals einen solchen Status erreichen würde, und empfahl ihr, in das Kloster St. Claire d'Ollioules einzutreten. Diese Enttäuschung kam Marie Catherine hart an, und bald litt sie unter starken Anfällen, Halluzinationen und Hysterie. Die Versuche, das Mädchen durch Teufelsaustreibung von den Dämonen zu befreien, die sie zu quälen schienen, schlugen fehl. Sie behauptete nun, dass ihre Qualen die Folge der Behexung durch Girard seien, der sie verführt habe. Inzwischen machten ihr Bruder und ihre Rechtsanwälte vier weitere Schülerinnen von Girard und vier Nonnen ausfindig, die gewillt waren, ähnliche Anschuldigungen gegen den Geistlichen vorzubringen.
Der Skandal weitete sich schnell aus, und die Angelegenheit wurde unter grossem Aufsehen bald vor Gericht gebracht. Der Prozess begann am 10. Januar 1731, begleitet von Szenen nahezu hysterischer Aufregung. Am Vorabend liess Marie Catherine, unterstützt von ihrem Bruder - der offenbar hoffte, dass seine Schwester heiliggesprochen würde -, eine mitternächtliche Teufelsaustreibung vornehmen. Die grosse Volksmenge, die dabei zuschaute, wurde mit dem „Beweis” der Besessenheit des Mädchens belohnt, als Marie Catherine in einen Zustand bewegungsloser Trance fiel.
Das Beweismaterial, das in dem Prozess ans Tageslicht kam, war sensationell. Marie Catherine hatte anscheinend behauptet, „vertraulichen Umgang mit Gott” zu haben, war angeblich aber von Girard dazu veranlasst worden, ihm bei einer Reihe sexueller Perversionen willfährig zu sein. Der entscheidende Augenblick sei gewesen, als Girard sich über sie gebeugt und seinen Atem über ihr Gesicht habe strömen lassen, so dass sie von Liebe zu ihm magisch verzehrt worden sei: „Dann beugte er sich nieder, brachte seinen Mund nahe an ihren und hauchte sie an, was eine so gewaltige Wirkung auf das Gemüt der jungen Dame hatte, dass sie sofort von Liebe hingerissen war und einwilligte, sich ihm hinzugeben. Auf diese Weise behexte er Seele und Neigungen dieses unglücklichen Beichtkindes.”
Der Priester, so behauptete Marie Catherine, habe sich dann systematisch darangemacht, sie ihrer Ehre zu berauben. Zuerst habe er sie geküsst und ihren Körper gestreichelt und dabei gesagt, er könne ihr „heilige Freiheit” verheissen. ihre Brüste liebkosend, habe er erklärt, dass sie durch solche körperliche Demütigung zu grösserer Seelenkraft käme. Girard gelangte schliesslich an sein Ziel und machte es sich von da an zur Gewohnheit, regelmässig, mitunter mehrere Stunden lang, seine Begierden bei Marie Catherine zu stillen. Zum Ergötzen der Anwesenden fuhr die junge Frau fort zu schildern, wie Pater Girard sadistischen Praktiken gefrönt und mit einer Peitsche ihr nacktes Hinterteil geschlagen habe, um sie von ihren unheiligen Zweifeln zu reinigen.
Girard für seinen Teil protestierte heftig gegen solche Anschuldigungen. Wenn jemand gesehen habe, wie er seinen Kopf dem ihren genähert habe, dann sei das nur wegen seiner Schwerhörigkeit geschehen. Wenn in seinen Briefen an sie von Liebe die Rede gewesen sei, dann habe er die Liebe gemeint, die jeder Geistliche seinen Anbefohlenen zeigen sollte. Er beschmutzte auch den Ruf seiner einstigen Anhängerin mit der Enthüllung, sie habe mehrere Zeugen bestochen, damit sie diese Geschichte mit ihren Aussagen bestätigten. Sie habe auch die von ihr erlebten „Wunder” vorgetäuscht; einmal habe sie ihr Gesicht mit ihrem Menstruationsblut bestrichen und dann behauptet, beim Zelebrieren der Leiden Christi sei sie wie durch Magie besudelt worden.
Quer durch den Gerichtssaal wurden Beschuldigungen und Gegenbeschuldigungen ausgestossen, und der Prozess drohte in eine Farce abzugleiten. Nach vielen Monaten gegenseitiger Bezichtigungen zeigten sich die Richter unfähig zu entscheiden, wer - falls überhaupt jemand - hingerichtet werden sollte. Am Ende schickte man Pater Girard zur Kirche zurück, wo er für sein zweifelhaftes Verhalten einen Verweis erhielt, während man Marie-Catherine Cadiere nach Hause gehen liess, um dort in Frieden bei ihrer Mutter zu leben. Ein aufgebrachter Mob versuchte, den Priester auf seine Weise zu bestrafen, doch Girard entkam und wurde später von der geistlichen Obrigkeit von jeglicher Schuld freigesprochen. Er starb im Jahr 1733.
Der Fall beschäftigte in Frankreich und jenseits der Grenzen zahllose Beobachter. Es wurden nicht wenige Bücher verfasst, die in den schlüpfrigen Einzelheiten der Angelegenheit schwelgten. Kritiker behaupteten zwar, dass die Autoren solcher Werke lediglich an den obszönen Seiten des Falles interessiert seien, doch offenbarte das auch, dass niemand in dieser Zeit mehr bereit zu sein schien, Aussagen über vermeintliche Hexerei sehr ernst zu nehmen. Tatsächlich kam dieser Fall überhaupt nur vor Gericht, weil die Anklage wegen Hexerei den schwerwiegenderen Vorwurf der Unzucht nach sich gezogen hatte.

 

 

 

 

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