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Ein Mädchen aus
Frankreich, eine der Hauptfiguren in dem Verfahren, das als letzter grosser
Hexenprozess vor einem französischen Gericht bekannt geworden ist. Die tief
religiöse Tochter von Catherine Cadiere, eine Witwe aus Toulon, war eine
sehr schöne junge Frau. Im Alter von achtzehn Jahren schien sie jedoch ihr
weiteres Leben in religiöser Aufopferung führen zu wollen und schloss sich
in ihrer Heimatstadt einer Gruppe gleichgesinnter Frauen an, die unter
Anleitung von Pater Jean Baptiste Girard, eines geachteten Jesuiten, beteten
und meditierten. Catherines Ambition war es augenscheinlich, durch ihre
Hingabe eine Heilige zu werden, und das führte sie ihrer Behauptung zufolge
dazu, sich um eine besondere Beziehung zu dem Geistlichen zu bemühen. Andere
spekulierten, sie habe sich in den fünfzigjährigen Kleriker verliebt, und
meinten weiter, dass dies nur das Ergebnis einer Hexerei von seiner Seite
sein könne.
Ein Jahr lang bestärkte der Pater Catherine in ihren Hoffnungen, in den
Stand der Heiligkeit zu gelangen, doch schliesslich begann er daran zu
zweifeln, dass sie jemals einen solchen Status erreichen würde, und empfahl
ihr, in das Kloster St. Claire d'Ollioules einzutreten. Diese Enttäuschung
kam Marie Catherine hart an, und bald litt sie unter starken Anfällen,
Halluzinationen und Hysterie. Die Versuche, das Mädchen durch
Teufelsaustreibung von den Dämonen zu befreien, die sie zu quälen schienen,
schlugen fehl. Sie behauptete nun, dass ihre Qualen die Folge der Behexung
durch Girard seien, der sie verführt habe. Inzwischen machten ihr Bruder und
ihre Rechtsanwälte vier weitere Schülerinnen von Girard und vier Nonnen
ausfindig, die gewillt waren, ähnliche Anschuldigungen gegen den Geistlichen
vorzubringen.
Der Skandal weitete sich schnell aus, und die Angelegenheit wurde unter
grossem Aufsehen bald vor Gericht gebracht. Der Prozess begann am 10. Januar
1731, begleitet von Szenen nahezu hysterischer Aufregung. Am Vorabend liess
Marie Catherine, unterstützt von ihrem Bruder - der offenbar hoffte, dass
seine Schwester heiliggesprochen würde -, eine mitternächtliche
Teufelsaustreibung vornehmen. Die grosse Volksmenge, die dabei zuschaute,
wurde mit dem „Beweis” der Besessenheit des Mädchens belohnt, als Marie
Catherine in einen Zustand bewegungsloser Trance fiel.
Das Beweismaterial, das in dem Prozess ans Tageslicht kam, war sensationell.
Marie Catherine hatte anscheinend behauptet, „vertraulichen Umgang mit Gott”
zu haben, war angeblich aber von Girard dazu veranlasst worden, ihm bei
einer Reihe sexueller Perversionen willfährig zu sein. Der entscheidende
Augenblick sei gewesen, als Girard sich über sie gebeugt und seinen Atem
über ihr Gesicht habe strömen lassen, so dass sie von Liebe zu ihm magisch
verzehrt worden sei: „Dann beugte er sich nieder, brachte seinen Mund nahe
an ihren und hauchte sie an, was eine so gewaltige Wirkung auf das Gemüt der
jungen Dame hatte, dass sie sofort von Liebe hingerissen war und
einwilligte, sich ihm hinzugeben. Auf diese Weise behexte er Seele und
Neigungen dieses unglücklichen Beichtkindes.”
Der Priester, so behauptete Marie Catherine, habe sich dann systematisch
darangemacht, sie ihrer Ehre zu berauben. Zuerst habe er sie geküsst und
ihren Körper gestreichelt und dabei gesagt, er könne ihr „heilige Freiheit”
verheissen. ihre Brüste liebkosend, habe er erklärt, dass sie durch solche
körperliche Demütigung zu grösserer Seelenkraft käme. Girard gelangte
schliesslich an sein Ziel und machte es sich von da an zur Gewohnheit,
regelmässig, mitunter mehrere Stunden lang, seine Begierden bei Marie
Catherine zu stillen. Zum Ergötzen der Anwesenden fuhr die junge Frau fort
zu schildern, wie Pater Girard sadistischen Praktiken gefrönt und mit einer
Peitsche ihr nacktes Hinterteil geschlagen habe, um sie von ihren unheiligen
Zweifeln zu reinigen.
Girard für seinen Teil protestierte heftig gegen solche Anschuldigungen.
Wenn jemand gesehen habe, wie er seinen Kopf dem ihren genähert habe, dann
sei das nur wegen seiner Schwerhörigkeit geschehen. Wenn in seinen Briefen
an sie von Liebe die Rede gewesen sei, dann habe er die Liebe gemeint, die
jeder Geistliche seinen Anbefohlenen zeigen sollte. Er beschmutzte auch den
Ruf seiner einstigen Anhängerin mit der Enthüllung, sie habe mehrere Zeugen
bestochen, damit sie diese Geschichte mit ihren Aussagen bestätigten. Sie
habe auch die von ihr erlebten „Wunder” vorgetäuscht; einmal habe sie ihr
Gesicht mit ihrem Menstruationsblut bestrichen und dann behauptet, beim
Zelebrieren der Leiden Christi sei sie wie durch Magie besudelt worden.
Quer durch den Gerichtssaal wurden Beschuldigungen und Gegenbeschuldigungen
ausgestossen, und der Prozess drohte in eine Farce abzugleiten. Nach vielen
Monaten gegenseitiger Bezichtigungen zeigten sich die Richter unfähig zu
entscheiden, wer - falls überhaupt jemand - hingerichtet werden sollte. Am
Ende schickte man Pater Girard zur Kirche zurück, wo er für sein
zweifelhaftes Verhalten einen Verweis erhielt, während man Marie-Catherine
Cadiere nach Hause gehen liess, um dort in Frieden bei ihrer Mutter zu
leben. Ein aufgebrachter Mob versuchte, den Priester auf seine Weise zu
bestrafen, doch Girard entkam und wurde später von der geistlichen Obrigkeit
von jeglicher Schuld freigesprochen. Er starb im Jahr 1733.
Der Fall beschäftigte in Frankreich und jenseits der Grenzen zahllose
Beobachter. Es wurden nicht wenige Bücher verfasst, die in den schlüpfrigen
Einzelheiten der Angelegenheit schwelgten. Kritiker behaupteten zwar, dass
die Autoren solcher Werke lediglich an den obszönen Seiten des Falles
interessiert seien, doch offenbarte das auch, dass niemand in dieser Zeit
mehr bereit zu sein schien, Aussagen über vermeintliche Hexerei sehr ernst
zu nehmen. Tatsächlich kam dieser Fall überhaupt nur vor Gericht, weil die
Anklage wegen Hexerei den schwerwiegenderen Vorwurf der Unzucht nach sich
gezogen hatte. |