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Hexenwesen, Hexerei, Magie
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Besessenheit

Zustand eines Menschen, in dessen Körper ein Dämon, ein Geist oder ein anderes übernatürliches Wesen eingedrungen ist. Die Vorstellung von der Besessenheit, die sich durch allerlei Arten unnormalen Verhaltens zeigte, ist sehr alt und tritt in dieser oder jener Form faktisch in allen Kulturen und Religionen auf. Dem Neuen Testament zufolge vertrieb Christus selbst irgendwelche Teufel, und die kirchliche Obrigkeit war nur allzu gern bereit, an die Realität solcher Manifestationen zu glauben. Die Dämonologen des nachmittelalterlichen Europa liessen im allgemeinen gelten, dass der Teufel sich des Willens eines Menschen bemächtigen konnte, betonten jedoch nachdrücklich, dass Dämonen eine Person stets nur auf Geheiss einer Hexe in Besitz nahmen.
Die Besessenheit durch den Teufel oder seine Günstlinge war im Europa des Mittelalters ein vieldiskutiertes Thema, und mit der Entwicklung der Hexenmythologie trat als „Beweis” für die von den Hexenriechern beschworene Bedrohung der christlichen Welt auch die Besessenheit in Erscheinung. Man war sich einig darüber, dass sich die bösen Geister durch jede ungeschützte Öffnung Zugang zum menschlichen Körper verschafften und dann möglicherweise jahrelang allen Vertreibungsversuchen widerstehen konnten, wobei sie jene, die sie durch einen Exorzismus oder andere Mittel aus dem Körper des Besessenen zu verjagen suchten, sogar noch verhöhnten. Um einen Menschen mit Dämonen zu „infizieren”, brauchte eine Hexe angeblich nur ihre Hausgeister in irgendwelchen Lebensmitteln, meist in einem Apfel, zu verstecken, die sie ihren Opfern dann anbot.
Die Besessenheit liess sich an vielen unterschiedlichen Symptomen erkennen. An manchen Opfern war eine Veränderung des Gesichts zu bemerken, manche litten unter Schmerzen, Anfällen, Krämpfen, Ohnmachtsanfällen, geistiger Verwirrung oder erbrachen grosse Mengen Nadeln, Stroh, Glas und andere ungewöhnliche Dinge. Manche siechten dahin, andere hatten einen aufgeblähten Leib oder litten unter Lähmungen, Impotenz oder Störungen des Menstruationszyklus. Weitere Anzeichen konnten eine veränderte, ungewöhnlich raue Stimme oder eine blasphemische Ausdrucksweise sein - was besonders auffällig war, wenn es sich bei dem Betroffenen um ein Kind oder ein Mitglied eines religiösen Ordens handelte. Selten geschah es auch, dass sich das Opfer plötzlich in mehreren Sprachen verständlich machen konnte und Zugang zu anscheinend geheimen Kenntnissen hatte. Viele Opfer erlitten Anfälle, wenn religiöse Gegenstände in den Raum gebracht wurden, wenn jemand Gebete sprach oder Bibeltexte in lateinischer Sprache las. Die Tatsache, dass die besessene Person mitunter auch Anfälle bekam, wenn nichtreligiöse Texte lateinischer Autoren vorgetragen wurden, führte mehr als einmal zur Entdeckung einer vorgetäuschten Besessenheit.
Mitunter konnte der Betroffene die Hexe ausmachen, die seine Leiden verursacht hatte, und Einzelheiten zu Namen und Wesen der in ihm hausenden Teufel mitteilen. Es gibt Berichte über einige Opfer, die behaupteten, von Dutzenden oder gar Hunderten von Dämonen, darunter auch von so hochrangigen Bösewichtern wie Beelzebub persönlich, besessen zu sein. 1583 soll ein von Jesuiten befragtes Mädchen aus Wien von insgesamt 12 652 Dämonen besessen gewesen sein, die die Grossmutter des Kindes zuvor in Gestalt von Fliegen in Glasbüchsen gehalten habe. Die Grossmutter wurde unter der Folter zu einem Geständnis gezwungen und später bei lebendigem Leibe verbrannt.
Viele Beispiele scheinbarer Besessenheit waren in Wirklichkeit falsch diagnostizierte Fälle von Geisteskrankheiten. Manche Opfer wurden mit Wohlwollen und Mitgefühl behandelt und ermuntert, möglichst viel über ihre Erlebnisse und Erfahrungen mit den Dämonen zu offenbaren. Mit anderen ging man strenger um und warf ihnen Umgang mit dem Teufel vor, da wahrhaft fromme Menschen gegen eine solche Verletzung ihres Wesens immun seien. Zahllose geistig zerrüttete oder paranoide Männer und Frauen wurden als Hexen verfolgt, weil sie behauptet hatten, mit Dämonen und Geistern in Verbindung zu stehen, oder weil die Arzte keinen erkennbaren medizinischen Grund für deren absonderliches Verhalten finden konnten.
Es waren jedoch keinesfalls alle Opfer dämonischer Besessenheit wahnsinnig. Eine grosse Zahl von Individuen oftmals kleine Kinder oder im Zölibat lebende Mitglieder religiöser Orden lockte die Aussicht, durch solches Verhalten das öffentliche Interesse auf sich zu ziehen, und so gaukelten sie ihren Mitmenschen Besessenheit vor. Vorgetäuschte Anfälle und unzusammenhängendes Geplapper über Dämonen und ähnliches sorgten garantiert in jeder Gemeinschaft für Aufregung; sensationelle Anschuldigungen wegen Hexerei, die sich gegen persönliche Feinde oder Personen richteten, die offensichtlich die Rolle des Sündenbocks spielen sollten oder schon in dem Ruf standen, Hexen zu sein, konnten den Ankläger zu einer nationalen Berühmtheit machen und boten zudem eine gute Möglichkeit, alte Rechnungen zu begleichen. Hatte sich eine Nonne oder ein Kind mit diesem Trick einmal erfolgreich versucht, dann war es unvermeidlich, dass andere, ihnen nahestehende Personen, von der Aufregung überwältigt oder begierig darauf, an der allgemeinen Aufmerksamkeit teilzuhaben, dem Beispiel folgten. Daraus ergaben sich die vielen Fälle grassierender hysterischer Besessenheit in verschiedenen geschlossenen Gemeinschaften. Allerdings war das Risiko hoch, denn der Ankläger konnte ohne weiteres selbst in den Verdacht der Hexerei geraten überführte Hexen wurden oftmals als „vom Teufel besessen” dargestellt. Mitunter jedoch verteidigten sich angebliche Hexen damit, dass sie besessen und daher für ihre Taten nicht verantwortlich seien. Wie zahlreiche Fälle von dämonischer Besessenheit in französischen Klöstern zeigten, war das Motiv oftmals nicht so sehr Berechnung; die Symptome wiesen vielmehr auf einen Zustand hin, den ein Psychiater heute als eine auf sexueller Verdrängung beruhende Hysterie erkennen würde.
Manche Opfer offenbarten in ihren Besessenheitssymptomen Originalität, wenn nicht gar Genialität. Mit blauem Urin oder erbrochenen Nadeln, die die Opfer angeblich von sich gegeben hatten, stellten sie die Leichtgläubigkeit vieler Beobachter aufeine harte Probe. 1571 beispielsweise erstaunte Catherine Gaulter aus Louvain in Belgien die Obrigkeit, als sie sich erbrach:
Grosse Flocken von Haaren mit schmutzigem Wasser, so wie in Eiterbeulen, und manchmal etwas wie der Mist von Tauben und Gänsen, und darin Stücke von Holz, auch wie frische, erst kürzlich von einem alten Baum abgeschlagene Holzschnitzel und eine Menge Häute wie Pergamentstücke ... danach erbrach sie unzählige Steine, einige wie Walnüsse und wie aus alten Mauern herausgebrochene Stücke, an denen Kalk war.
Andere unter Besessenheit Leidende verdrehten ihre Körper in unglaubliche Posituren oder stellten ihre übermenschliche Stärke unter Beweis. Viele Fälle von vorgetäuschter Besessenheit wurden aufgedeckt, worauf man dann die entsprechenden Anklagen fallen liess, doch viel mehr Fälle wurden nur nach dem äusseren Anschein beurteilt, und die Wahrheit kam erst (falls überhaupt) ans Licht, nachdem mehrere Menschen gehängt oder verbrannt worden waren.
Behandelt wurde die Besessenheit mit Gebeten und wiederholten Teufelsaustreibungen, die in den protestantischen Ländern von etwa 1600 an allerdings verboten waren. Pilgerreisen zu heiligen Stätten sollen viele Menschen von ihrer Besessenheit geheilt haben, wenn mitunter auch erst nach jahrelangem Leiden. Ein seltsamer Trick, den manche Gerichte anwendeten, war der, der besessenen Person eine Perücke aufzusetzen; wenn der nächste Anfall begann, wurde die Perücke weggerissen und in der Hoffnung, mit ihr sei der Dämon aus dem Körper entfernt worden, schnell in ein verschliessbares Gefäss gesteckt.
Die Tradition der dämonischen Besessenheit war zählebig. Erst 1816 wurde ein jesuitischer Priester angewiesen, seine Aktivitäten einzustellen, nachdem er eine Kampagne gestartet hatte, um ein junges Mädchen aus Amiens in Nordfrankreich von drei Dämonen zu befreien, die in ihrem Körper wohnen sollten. Es stellte sich jedoch heraus, dass das Mädchen die Geschichte erfunden hatte, um seine Schwangerschaft zu verbergen.

 

 

 

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