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Chrestos

Chrestos ist die frühe gnostische Form von Christus, die im 5. Jahrhundert v. Chr. von Aischylos, Herodot und anderen benutzt wurde. Aischylos erwähnt die Manteumata pythochresta oder die „Orakel, die ein pythischer Gott" durch eine Pythia „verkündete". Chresterion ist nicht nur „der Sitz eines Orakels", sondern auch ein Opfer an oder für das Orakel. Ein Chrestes ist jemand, der Orakel erklärt, „ein Prophet und Wahrsager", und ein Chresterios ist jemand, der einem Orakel oder einem Gott dient. Der früheste christliche Autor, Justin der Märtyrer, nennt seine religiösen Mitbrüder in seiner ersten Apologie Chresten. „Es ist nur auf Unwissen zurückzuführen, dass die Menschen sich Christen nennen anstatt Chresten", sagt Lactantius.
Die Ausdrücke Christus und Christen, deren ursprüngliche Schreibweise Chrestos und Chresten war, wurden aus dem Tempelvokabular der Heiden geborgt. Chrestos bedeutete in diesem Vokabular einen Schüler auf Probe, einen Kandidaten für die Hierophantenschaft. Wenn er diese durch Initiation erreicht hatte, durch lange Prüfungen und Leiden, und „gesalbt" worden war (d. h. „mit Öl eingerieben", wie es Initiierte und selbst Götterbilder wurden, als die letzte Vollendung ritueller Bräuche), wurde sein Name in Christos umgeändert, das in esoterischer oder Mysteriensprache der „Gereinigte" bedeutet. In der mystischen Symbologie besagt Christes oder Christos in der Tat, dass der „Weg", der Pfad, schon betreten und das Ziel erreicht ist; die Früchte der mühsamen Arbeit, die die Persönlichkeit von vergänglichem Lehm mit der unzerstörbaren INDIVIDUALITÄT vereinigt, haben sie dadurch in das unsterbliche EGO umgeformt. „Am Ende des Weges steht der Chrestes", der Reiniger, und wenn die Vereinigung einmal vollbracht ist, wird der Chrestos, der „Mensch des Leids", zum Christos selbst. Paulus, der Initiierte, wusste dies und meinte genau dies mit seinen in schlechter Übersetzung wiedergegebenen Worten: „Ich gebäre abermals mit Ängsten, bis dass Christus in euch Gestalt gewinne" (Galater 4, 19). Die getreue Wiedergabe des Zitats ist: „... bis ihr den Christus in euch bildet". Doch die Profanen, die nur wussten, dass Chrestes in irgendeiner Weise mit Priester und Prophet in Verbindung stand, und die nichts über die verborgene Bedeutung von Christos wussten, bestanden darauf, so wie es Lactantius und Justin der Märtyrer taten, Chresten anstatt Christen genannt zu werden. Jeder gute individuelle Mensch kann also Christus in seinem „inwendigen Menschen" finden, wie Paulus es ausdrückt (Epheser 3, 16 und 17), ob er nun Jude, Muslim, Hindu oder Christ ist.
Kenneth Mackenzie dachte anscheinend, das Wort Chrestos sei gleichbedeutend mit Soter, „einer Bezeichnung, die Gottheiten, grossen Königen und Helden verliehen wurde" und auf „Erlöser" hinweist – und er hatte recht. Denn, so fügt er hinzu: „Es ist immer wieder auf Jesus Christus angewandt worden, dessen Name Jesus oder Joschua dieselbe innere Bedeutung hat. Der Name Jesus ist in der Tat eher ein Ehrentitel als ein Name, denn der wahre Name des Soter des Christentums ist Immanuel oder ,Gott mit uns' (Matthäus 1, 23). ... Grosse Gottheiten in allen Nationen, die als sühnend oder sich selbst opfernd dargestellt werden, sind mit demselben Titel bezeichnet worden". Der Asklepios (oder Aesculapius) der Griechen trug den Titel Soter.


 

 

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