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Siddhartha ist der Name,
der Gautama, dem Prinzen von Kapilavastu, bei seiner Geburt gegeben wurde.
Er ist eine Abkürzung von Sarvarthasiddha und bedeutet die „Verwirklichung
aller Wünsche". Gautama, was „auf Erden (gau) der Siegreichste (tama)"
bedeutet, war der Priestername der Sakya Familie, der von den Vorfahren
ererbte Königsname der Dynastie, zu der Gautamas Vater, der König Suddhodana
von Kapilavastu, gehörte. Kapilavastu war eine alte Stadt, die der
Geburtsort des grossen Reformers wurde; sie wurde noch zu seinen Lebzeiten
zerstört. Im Titel Sakyamuni bedeutet die zweite Komponente, muni: einer,
der „mächtig ist in Güte, Zurückgezogenheit und Schweigen"; das vorangehende
S'ilkya ist der Familienname.
Jeder Orientalist oder Pandit kennt die Geschichte von Gautama, dem Buddha,
dem vollendetsten der sterblichen Menschen, den die Welt je gesehen hat,
auswendig, doch keiner von ihnen scheint die esoterische Bedeutung zu
vermuten, die seiner vorgeburtlichen Biographie zugrunde liegt, also die
Bedeutung der volkstümlichen Überlieferung. Der Lalitavistara erzahlt die
Geschichte, verzichtet aber darauf, die Wahrheit anzudeuten. Die 5 000
Jtitakas oder Ereignisse früherer Geburten (Reinkarnationen) werden wörtlich
statt esoterisch verstanden. Gautama, der Buddha, ware nicht ein sterblicher
Mensch gewesen, ware er nicht vor seiner letzten Geburt schon durch Hunderte
und Tausende von Geburten gegangen. Der detaillierte Bericht über diese
Geburten und die Aussage, dass er in ihnen seinen Weg aufwarts durch jedes
Stadium der Transmigration erarbeitet hat, vom niedrigsten beseelten und
unbeseelten Atom und Insekt hinauf zum höchsten oder dem Menschen,
illustriert lediglich den bekannten okkulten Aphorismus: „Ein Stein wird
eine Pflanze, eine Pflanze ein Tier und ein Tier ein Mensch." Jedes
menschliche Wesen, das jemals existiert hat, hat dieselbe Evolution
durchlaufen. Doch der verborgene Symbolismus in der Aufeinanderfolge dieser
Wiedergeburten (Jdtakas) enthalt eine vollkommene Geschichte der vor-und
nachmenschlichen Evolution auf dieser Erde und ist eine wissenschaftliche
Darlegung natürlicher Tatsachen. Eine Wahrheit, die nicht verschleiert ist,
sondern klar und offen zutage tritt, ist aus der Terminologie der
Geburtsgeschichten ersichtlich: Sobald Gautama die menschliche Form erreicht
hatte, begann er damit, in jeder Persönlichkeit die ausserste
Uneigennützigkeit, Selbstlosigkeit und Güte zu entfalten.
Buddha Gautama, der vierte der Sapta (Sieben) Buddhas und der
Sapta-tathagata, wurde gemass der chinesischen Zeitrechnung im Jahre 1024 v.
Chr. geboren; gemass den singhalesischen Chroniken jedoch am 8. Tag des
zweiten (oder vierten) Mondes im Jahr 621 vor unserer Zeitrechnung. Er floh
in der Nacht des 8. Tages des zweiten Mondes im Jahr 597 v. Chr. aus dem
Palast seines Vaters, um ein Asket zu werden. Nachdem er sechs Jahre in
asketischer Meditation in Gaya verbracht hatte, erkannte er, dass physische
Selbstqualerei ein nutzloses Mittel ist, um Erleuchtung zu erlangen. Er
entschied sich deshalb, einen neuen Weg einzuschlagen, bis er den Zustand
von Bodhi erreichte. Er wurde in der Nacht des 8. Tages des zwölften Mondes
im Jahr 592 ein vollstandiger Buddha und trat schliesslich im Jahr 543 in
Nirvaria ein, gemass dem südlichen Buddhismus. Die Orientalisten haben sich
jedoch für einige andere Daten entschieden.
Der gesamte Rest ist allegorisch. Er erreichte den Zustand des Bodhisattvas
auf Erden, als er in der Persönlichkeit namens Prabhapala war. Tushita steht
für einen Ort auf diesem Globus, nicht für ein Paradies in den unsichtbaren
Regionen. Dass seine Wahl auf die akya-Familie und seine Mutter Maya fiel,
die „die reinste auf Erden" war, steht im Einklang mit der typischen
Geburtsgeschichte eines jeden Heilands, Gottes oder vergöttlichten
Reformers. Die Überlieferung, dass er in Gestalt eines weissen Elefanten in
den Schoss seiner Mutter eintrat, ist eine Anspielung auf seine angeborene
Weisheit, denn der Elefant dieser Farbe ist ein Symbol jedes Bodhisattvas.
Die Aussagen, dass bei Gautamas Geburt das neugeborene Baby sieben Schritte
in vier Richtungen tat, dass eine Udumbara -Blume in all ihrer seltenen
Schönheit erblühte und dass die Naga -Könige sofort darangingen, „ihn zu
taufen", sind allesamt Allegorien in der Ausdrucksweise der Initiierten.
Samtliche Ereignisse seines edlen Lebens werden in okkulten Zahlen
angegeben, und jedes sogenannte wunderbare Ereignis – das von Orientalisten
so beklagt wird, da es die Erzahlung verwirre und es unmöglich mache, die
Wahrheit von der Dichtung zu befreien – ist lediglich die allegorische
Verschleierung der Wahrheit. Wer im Symbolismus bewandert ist, wird dies
verstehen, wahrend es für viele europaische Gelehrte schwerverstandlich sein
mag. Jede Einzelheit der Erzahlung zwischen seinem Tod und der Verbrennung
ist ein Kapitel von Tatsachen, geschrieben in einer Sprache, die studiert
werden muss, bevor sie verstanden wird; anderenfalls wird ihr toter
Buchstabe in absurde Widersprüche führen. Zum Beispiel soll Buddha, nachdem
er seine Schüler an die Unsterblichkeit des Dharmakaya erinnert hatte, in
Samadhi übergegangen sein und sich in Nirvana verloren haben –aus dem
niemand zurückkehren kann. Und doch wird trotz alledem geschildert, wie der
Buddha den Deckel des Sarges aufbricht und aus ihm heraustritt; wie er mit
gefalteten Handen seine Mutter Maya grüsst, die plötzlich in der Luft
erschienen war, obwohl sie sieben Tage nach seiner Geburt gestorben war usw.
Da Buddha ein Chakravartin war (einer, der das Rad des Gesetzes dreht),
konnte sein Körper bei seiner Verbrennung von gewöhnlichem Feuernicht
verzehrt werden. Was geschah? Plötzlich brach ein Flammenstrahl aus dem
Svastika auf seiner Brust hervor und verwandelte seinen Körper in Asche.
Aus Platzgründen verzichten wir auf weitere Beispiele. Dass Gautama, der
„Buddha", unbestreitbar einer der wahren HEILANDE der Welt war, geht zur
Genüge aus der Tatsache hervor, dass auch der fanatischste orthodoxe
Missionar nicht die geringste Beschuldigung gegen sein Leben und seinen
persönlichen Charakter vorbringen kann; er müsste schon hoffnungslos
verblendet sein und nicht die geringste Rücksicht auf historische Wahrheit
nehmen. Ohne irgendeinen Anspruch auf Göttlichkeit zu erheben, seinen
Anhangern eher erlaubend, in Atheismus zu verfallen, als in den
erniedrigenden Aberglauben an Devas oder Götzenanbetung, ist Buddhas Wandeln
im Leben vom Anfang bis zum Ende heilig und göttlich. Wahrend der 45 Jahre
seiner Mission ist es tadellos und rein wie das eines Gottes –oder wie das
letztere sein sollte. Er ist das vollkommene Beispiel für einen göttlichen,
gottahnlichen Menschen. Er erreichte Buddhaschaft – d. h. vollstandige
Erleuchtung –allein durch sein eigenes Verdienst und aufgrund seiner eigenen
individuellen Anstrengungen, da anzunehmen ist, dass kein Gott bei der
Ausübung von Güte und Heiligkeit irgendein persönliches Verdienst hat.
Esoterische Lehren behaupten, dass er Nirvana entsagte und das
DharmakayaGewand aufgab, um als „Buddha des Mitleids" in der Reichweite des
Elends auf dieser Welt zu bleiben. Die religiöse Philosophie, die er ihr
hinterliess, hat über 2 000 Jahre lang Generationen guter und selbstloser
Menschen hervorgebracht. Seine Religion ist die einzige vollkommen blutlose
unter all den bestehenden Religionen. Tolerant und liberal, lehrt sie
universales Mitleid und Güte, Liebe und Selbstlosigkeit, Genügsamkeit und
Zufriedenheit mit dem eigenen Los, wie auch immer es aussehen mag. Keine
Verfolgungen und Zwangsbekehrungen durch Feuer und Schwert haben jemals
Schande über sie gebracht. Kein Donner und Blitz speiender Gott hat ihre
reinen Gebote beeintrachtigt. Und wenn der einfache, menschliche und
philosophische Kodex des taglichen Lebens, den uns der grösste bisher
bekannte Menschheitsreformer hinterliess, jemals von der Menschheit
insgesamt angenommen werden sollte, dann in der Tat würde der Menschheit ein
Zeitalter des Segens und Friedens dämmern. |