|
Wahrscheinlich hatten die
Ägypter schon in vorgeschichtlicher schriftloser Zeit mündlich überlieferte
Toten- und Jenseitstexte; leider besitzen wir aus dieser Epoche nur für uns
schwer zu verstehende Grabbeigaben und Skulpturen. Die ersten überlieferten
Texte dieser Art sind die sog. Pyramidentexte, erstmalig aufgezeichnet in
der Pyramide des Wenis (2375-2345 v. Chr., 5. Dynastie) in Saqqara. In acht
weiteren Pyramiden aus der 6. bis 8. Dynastie (2345-2125 v. Chr.) fand man
ähnliche. Versionen. Die Pyramidentexte bestehen aus rund 800 Sprüchen, die
in Kolonnen auf die Wände der Pyramidenkammern geschrieben wurden, aber
offensichtlich keine verbindliche Reihenfolge einhielten. Keine Pyramide
enthält die gesamte Spruchsammlung - mit 675 weist die Pyramide Pepis II.
(2278-2184 v. Chr.) die meisten Sprüche auf. Diese Pyramidentexte enthalten
- neben Opferlisten - auch die erste Niederschrift des
Mundöffnungszeremonials.
In der Epoche der politischen und sozialen Umwälzungen der 1. Zwischenzeit
(2181-2055 v. Chr.) begann man, Totentexte für private Särge zu übernehmen,
die man deshalb Sargtexte nennt, auch wenn sie daneben auf Papyri oder an
den Wänden von Privatgräbern zu finden sind. Bei diesen privaten Totentexten
handelt es sich letztendlich um nichts anderes als die komprimierten und
etwas anders gefassten Versionen der (einst dem König vorbehaltenen)
Pyramidentexte. In dieser Entwicklung sehen viele eine Demokratisierung der
Jenseitsvorstellungen, die eine neue Selbständigkeit des einzelnen spiegelt,
der nun für sein jenseitiges Leben nicht mehr vom König abhängig war;
vielleicht ging sie Hand in Hand mit dem allmählichen Niedergang im
Pyramidenbau hin zu den bescheideneren königlichen Grabanlagen. Allerdings
kann man dem entgegenhalten, dass gerade das Zurückgreifen auf die
Pyramidentexte die entscheidende Rolle des Königs im Bereich der privaten
Begräbniszeremonien bekräftigte.
Die Sargtexte enthielten Sprüche, die als eine Art „Jenseitsführer“ dienten
und, wie das Zweiwegebuch, dem Verstorbenen konkrete Anweisungen und
Ratschläge erteilten. Ab der 2. Zwiscnenzeit (1650-1510 v. Chr.) wurde diese
„Führer“-Funktion der Totentexte immer wichtiger; sie gipfelte schliesslich
in der Entstehung des sog. Totenbuches (oder „Sprüche für das Herausgehen am
Tage“): Es besteht aus ca. 200 Sprüchen (oder „Kapiteln“), von denen über
die Hälfte direkt aus den Pyramidentexten oder den Sargtexten übernommen
wurden. Normalerweise schrieb man sie auf Papyri, bestimmte Abschnitte
findet man aber auch auf Amuletten.
Zu Beginn des Neuen Reiches (1550-1069 v. Chr.) taucht ein neues
Totentext-Corpus auf, das nach dem aus dem 11. vorchristlichen Jahrhundert
stammenden Buch von dem, was in der Unterwelt ist heute Amduat genannt wird.
Der Name wurde zur Gattungsbezeichnung aller Unterweltsbücher: Dazu gehören
die Schrift des Verborgenen Raumes (das eigentliche Amduat), das Höhlenbuch,
das Pfortenbuch und das Buch von der Erde. Thema all dieser Unterweltsbücher
ist die Nachtfahrt des Sonnengottes durch das Reich der Dunkelheit während
der 12 Nachtstunden bis zu seiner siegreichen Wiedergeburt in der
Morgendämmerung eines jeden neuen Tages. Viele Kopien dieser
Spruchsammlungen wurden gefunden; häufig weisen sie kunstvolle Vignetten
auf, die die Texte illustrieren. Während des Neuen Reiches waren sie
praktisch ausschliesslich königlichen Bestattungen vorbehalten, erst ab der
3. Zwischenzeit (1069-747 v. Chr.) tauchten sie allmählich auch in
Privatgräbern auf. So wie die Pyramidentexte die Grabanlagen der Könige des
Alten Reiches geschmückt hatten, so werden im Neuen Reich die
Unterweltsbücher auf den Wänden der königlichen Felsgräber im Tal der Könige
dargestellt. Ihre Anordnung ist von Bedeutung: Im Grab Ramses' Vl.
(1143-1136 v. Chr.) z. B. ist das Pfortenbuch am Eingang zur oberen Ebene
angebracht, dann folgt das Höhlenbuch und schliesslich, am weitesten vom
Eingang entfernt auf der unteren Ebene, das Buch von dem, was in der
Unterwelt ist.
In der Ptolemäerzeit (332-30 v. Chr.) werden diese Unterweltsbücher weiter
verwendet, es entstehen aber auch bedeutende neue Werke wie das Buch von
Atmen und das Buch vom Durchwandeln der Ewigkeit, die die Verstorbenen
schützen und eine sichere Fahrt durch die Unterwelt erleichtern sollten.
Diese Spätzeit-Texte spiegeln eine weitgehend ungebrochene Tradition der
ägyptischen Jenseitsvorstellungen während der gesamten ägyptischen
Geschichte. Die Unterschiede zwischen den Texten der verschiedenen Epochen
sind wohl auf sich wandelnde Vorstellungen vom Übergang ins Jenseits
zurückzuführen: War der einzelne dabei zunächst ganz und gar vom König
abhängig, so entwickelte sich nach und nach eine Situation, in der er
zunehmend eigene Vorsorge treffen konnte, um in den Genuss eines glücklichen
Jenseitslebens zu kommen, als dessen Voraussetzung immer mehr ein
Maat-gemässes Leben gesehen wurde. |