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Versuche, die Stellung
der Sklaven in der altägyptischen Gesellschaft zu analysieren, sind nicht
nur im Hinblick auf Definition und Übersetzung problematisch, sondern auch
hinsichtlich emotionaler und anachronistischer Vorstellungen über Sklaverei
im Alten Rom oder auf den Plantagen im Amerika des 19. Jh.
Der überwiegende Teil der Bevölkerung des pharaonischen Ägypten war entweder
als Bauern an das Land gebunden oder in Berufen tätig, die weitervererbt
wurden. Diese Männer oder Frauen wurden häufig zum Besitz von Königen,
hochstehenden Beamten oder Tempel-Gütern gerechnet. Man sollte sie aber eher
als „Hörige“ (altägyptisch semedet oder meret) bezeichnen; doch selbst
dieser Begriff ist möglicherweise zu eng verbunden mit Vorstellungen von
einer Feudalstruktur im mittelalterlichen Europa, besonders, wenn man
berücksichtigt, dass ägyptische Bauern nicht von Rechts wegen „an das Land
gebunden“ waren, sondern eher durch Tradition und wirtschaftliche
Gegebenheiten. Semedet und meret konnten eigenen Besitz haben, verfügten
aber nach modernen westlichen Massstäben über sehr begrenzte Freiheit.
Echte Sklaverei im klassischen Sinn des Wortes scheint in Ägypten vor der
Ptolemäerzeit (332-30 v. Chr.) selten gewesen zu sein. Die meisten
ägyptischen Sklaven waren wahrscheinlich vorderasiatische Kriegsgefangene.
Aus Aufzeichnungen aus der Spätzeit (747-332 v. Chr.) wird andererseits
deutlich, dass auch Ägypter Sklaven sein konnten, dass sie tatsächlich
gelegentlich gezwungen waren, sich als Sklaven zu verkaufen, vermutlich um
ihren Lebensunterhalt zu sichern oder um Schulden abzuzahlen. Die jüdischen
Söldner in Elephantine (Assuan) sollen z.B. in der Spätzeit ägyptische
Sklaven gehabt haben. Es scheint, als seien Sklaven einigermassen gut
behandelt worden; manche hatten wohl sogar eigenen Besitz. Sowohl männliche
wie weibliche Sklaven-Halter hatten das Recht, ihre Sklaven in die Freiheit
zu entlassen; auch war es männlichen Sklaven möglich, freie Frauen zu
heiraten und Land zu besitzen.
Die populäre Unterstellung, die Pyramiden seien in Sklavenarbeit erbaut
worden, findet in den Textzeugnissen des Alen Reiches (2686-2181 v. Chr.)
wenig Unterstützung, da die Arbeit an den königlichen Grabmonumenten
überwiegend als Frondienst geleistet wurde. Dagegen waren in Steinbrüchen
und Bergwerken sowohl Straf- als auch Kriegsgefangene beschäftigt. Erst ab
dem Mittleren Reich und dem Neuen Reich gab es so viele Kriegsgefangene,
dass sie in der ägyptischen Gesellschaft überhaupt eine wahrnehmbare Rolle
gespielt haben dürften. Die Aufzeichnungen aus dem Dorf der
Nekropolenarbeiter von Deir el-Medina erwähnen, dass Sklaven im Rahmen der
dörflichen Aufgaben, besonders beim Kornmahlen zur Brot-Herstellung,
eingesetzt wurden und dass einige Dorfbewohner sich persönliche Sklaven
hielten. Einer der Nekropolenarbeiter, ein gewisser Ken aus der 19.
Dynastie, der im Grab TT4 in Deir el-Medina begraben ist, hat offensichtlich
über 12 Sklaven verfügt, ein Zeichen dafür, dass Sklaven-Besitz kein
ausschliessliches Privileg der Elite war. |