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Gott des Chaos und der
Verwirrung, der im allgemeinen menschengestaltig, aber mit dem Kopf eines
Fabeltieres dargestellt wurde, das auch als „typhonisch“ bezeichnet worden
ist (wegen der späteren Identifikation des Seth mit dem griechischen Gott
Typhon). Aufgrund seiner rüsselartigen Schnauze und seiner kantigen Ohren
ist das Seth-Tier mit einem Ameisenbär verglichen worden; es handelt sich
aber wohl doch um ein reines Fabeltier. In seiner vollständigen Tiergestalt
wurde der Gott mit aufgerichtetem, oben gegabeltem Schwanz, und dem Leib
eines Kaniden dargestellt, gelegentlich aber auch in der Gestalt anderer
verabscheuter Tiere wie Nilpferd, Schwein oder Esel. Die früheste belegte
Darstellung des Seth ist ein aus Elfenbein geschnitzter Gegenstand
(vielleicht ein Kamm) aus Grab H29 in el-Mahasna, der in die Naqada-I-Zeit
(um 4000-3500 v. Chr.) datiert wird; die unverkennbare Gestalt des
Seth-Tieres erscheint aber auch auf dem Keulenkopf des protodynastischen
Herrschers Skorpion (um 3150 v. Chr.).
Erhaltene religiöse Texte nennen Seth als Sohn der Himmelsgöttin Nut und
Bruder von Osiris, Isis und Nephthys (letztere war gleichzeitig seine
Gemahlin); er soll im Raum Naqada geboren sein. Da Wüste und Ausland nach
ägyptischer Weltanschauung dem Bereich des „Feindlichen“ angehörten, wurde
Seth zum Schutzpatron dieser Gebiete und gelegentlich mit den ausländischen
Göttinnen Anat und Astarte in Verbindung gebracht.
Der Legende zufolge hat Seth seinen Bruder Osiris umgebracht und dann einen
langen, leidenschaftlichen Kampf gegen seinen Neffen Horus geführt, der den
Tod seines Vaters rächen wollte. In diesem Zweikampf riss Seth Horus ein
Auge aus, während Horus Seth kastrierte (die gewalttätige Natur des Seth
wurde z.T seiner sexuellen Potenz zugeschrieben). Eine These in diesem
Zusammenhang lautet, der Kampf der beiden Götter könnte eine Metapher sein
für die Rolle, die männliche Sexualität im ägyptischen Königskult spielte.
In den verschiedenen Wettkämpfen wechselte Seth mehrfach die Gestalt, so
erschien er als schwarzer Eber und als Nilpferd. Daher finden sich viele
Darstellungen, in denen Horus ihn in diesen Tierformen mit dem Speer tötet,
wie z. B. im Umgang des Horus-Tempels von Edfu. Schliesslich wurde ein
Göttergericht einberufen, um zu entscheiden, welcher von beiden nun der
irdische Herrscher sein sollte. Trotz seines Verbrechens wurde Seth von Ra
vorgezogen, weil er der ältere war; am Schluss lautete die Entscheidung
jedoch, dass Horus über die Lebenden regieren (daher seine Gleichsetzung mit
dem König), während Osiris über die Unterwelt herrschen sollte (daher seine
Gleichsetzung mit dem verstorbenen König). Seth dagegen stand als Gott des
Chaos und der Verwirrung ausserhalb des geordneten Universums, er bildete
das notwendige Gegengewicht zur göttlichen Ordnung, denn nach ägyptischer
Vorstellung wurde für jede Erscheinung eine gegenläufige Kraft benötigt,
damit das erforderliche Gleichgewicht gewährleistet war.
Obwohl sein Versuch, den Thron zu erringen, fehlgeschlagen war, blieb Seth
als „Begleiter“ bei Ra und war verantwortlich für Gewitter und schlechtes
Wetter. Er soll den Sonnengott auch auf seiner Reise durch die zwölf
Nachtstunden in seiner Barke begleitet haben; in diesem Fall wurde seine
gewalttätige Natur für einen guten Zweck eingesetzt: Er verteidigte Ra gegen
die Apophis-Schlange, die er vom Bug der Barke aus mit seinem Speer tötete.
Da auch der verstorbene König mit Ra in seiner Barke reiste, genoss er
ebenfalls den Schutz des Seth. Ebenso konnte man Seth anrufen, wenn man
gutes Wetter brauchte, damit er die chaotische Seite seines Wesens
zurücknahm, die normalerweise Unwetter hervorrief.
Trotz seines schlechten Rufes wurde Seth auch verehrt; seit prädynastischer
Zeit besass er eine Kultstätte in Naqada, aber auch eine im nordöstlichen
Delta. Peribsen, ein Herrscher der 2. Dynastie., setzte auf den Serech mit
dem Namen des Königs anstelle von Horus das Bild des Seth, in radikaler
Abkehr von der traditionellen Ikonographie. Sein Nachfolger, Chasechemui,
stellte die Bilder beider Götter über seinen Namen. Danach blieb der Serech
jedoch wieder ausschliesslich Horus vorbehalten.
Während der 2. Zwischenzeit (1650-1550 v. Chr.) wurde Seth von den Hyksos in
Auaris (Tell el-Dab`a) verehrt, vielleicht weil er ein Donnergott war wie
die levantinische Gottheit Baal. Verehrung erfuhr er auch in der 19. und 20.
Dynastie (1295-1069 v. Chr.), als einige ihrer Könige seinen Namen annahmen,
so Sethos I. (1294-1279 v. Chr.) und Sethos II. (1200-1194 v. Chr.) sowie
Sethnacht (1186-1184 v. Chr.). Die Herrscher jener Zeit bezogen sich
zuweilen auf die Stärke des Seth, wenn sie ihre eigenen Kriegstaten
verherrlichten.
Ab der späten 3. Zwischenzeit (um 800 v. Chr.) scheint sich eine Veränderung
in der Einschätzung des Seth anzukündigen. Wurde er vorher als ambivalente
Macht gesehen, die man meist mied, gegebenenfalls aber auch für sich zu
nutzen verstand, so galt er jetzt zunehmend als böse und unerwünscht, so
dass sogar einige seiner Statuen umgestaltet wurden und die Attribute des
Gottes Amun erhielten, während man seine durch Horus erlittene Niederlage
verherrlichte. |