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Wie in den meisten
Kulturen, so wurde auch bei den Ägyptern die Schlange als Urquell allen
Übels und aller Gefahr angesehen - schliesslich war sie die
Haupterscheinungsform des Gottes Apophis, der den Sonnengott während seiner
Reise durch die Unterwelt bedrohte. In der gleichen Weise, wie man die
Skorpiongottheiten Serket und Sched verehrte und versöhnlich stimmte, um die
Gefahr zu bannen, die von ihrer physischen Erscheinungsform drohte,
versuchte man durch Gebete und Opfergaben an die Schlangen-Göttinnen
Renenutet und meretseger, Schlangen-Bisse abzuwenden oder zu heilen. Es gab
auch einen Schlangen-Gott; er hiess Nehebkau und ist erstmals in den
Pyramidentexten der 5. und 6. Dynastie (um 2375-2181 v. Chr.) belegt. Die
ersten Amulette von ihm wurden jedoch erst in der 3. Zwischenzeit (1069-747
v. Chr.) hergestellt; sie zeigten ihn in Menschengestalt mit dem Kopf und
dem Schwanz einer Schlange.
Die Schlangen-Gottheit, die die höchste Verehrung genoss, war die
Kopragöttin Wadjit, die Herrin von Unterägypten. Zusammen mit der
Geiergöttin Nechbet war sie das Symbol für die Herrschaft des Königs über
„die beiden Länder“ Ägyptens. Der traditionell an der Stirn des Königs
getragene Uräus - machtgeladenes Symbol seines Königtums - war eine Kobra
mit dem Beinamen weret hekaw, „die Zauberreiche“, wie überhaupt eine enge
Verbindung zwischen Schlange und Zauberpraxis bestand. So fand man in Grab 5
unter dem Ramesseum in Theben eine - in einem Haarknäuel steckende –
Bronze-Schlange aus der 13. Dynastie (heute im Fitzwilliam Museum,
Cambridge), die als „Zauberstab“ gedeutet wurde. Im selben Grab wurde die
Statuette einer löwenköpfigen (oder mit der Maske einer Löwin versehenen)
Zauberin entdeckt, die ebenfalls solche Zauberstäbe in den Händen hält;
heute befindet sie sich im Manchester Museum. Eine als cippus oder
Horusstele bezeichnete Stelenart stellt Harpokrates dar, der in der einen
Hand Schlangen und in der anderen sonstiges Wüstengetier hält. Solche Stelen
dienten in der Spätzeit (747-332 v. Chr.) der Abwendung von Gefahren, wie
Schlangen, Skorpionen und Krankheiten. Schlangen galten als urzeitliche,
chthonische Geschöpfe, die eng mit dem Schöpfungsgeschehen verbunden waren.
Deswegen werden die vier Göttinnen der Achtheit von Hermopolis auch
gelegentlich als schlangenköpfig beschrieben. Ebenfalls in Gestalt einer
Schlange trat Kematef auf, eine Erscheinungsform des Amun in seinem Aspekt
als Schöpfergott. Eine weitere Schlangen-Gottheit ist der Uroboros, die
Schlange, die sich um das Universum ringelt, bis sie sich schliesslich in
den eigenen Schwanz beisst. Sie ist eine Metapher für die Grenze zwischen
der geordneten Welt und dem Chaos, aber auch ein Symbol für Auferstehung und
Erneuerung, in deren Leib sich jede Nacht die Regeneration des Sonnengottes
vollzieht. Ihre früheste erhaltene Darstellung findet sich auf einem kleinen
goldenen Schrein des Tutanchamun (1336-1327 v. Chr.). Während der Uroboros
die unendliche Weite des Weltenraums versinnbildlicht, manifestiert ein
weiterer Schlangen-Gott namens metwi („Doppelstrick“) die unendliche Zeit.
Eine im Grab von Sethos I. (1294-1279 v. Chr.) abgebildete Vignette aus dem
Pfortenbuch zeigt die wellenförmigen Windungen einer gewaltigen Schlange
zusammen mit Hieroglyphen für „Lebenszeit“. |