|
Die Römer wurden zum
ersten Mal in ägyptischen Angelegenheiten durch Pompeius verwickelt, der
sich in die finanziellen Belange des ptolemäischen Königshofes hatte
hineinziehen lassen und schliesslich nach dem Tod Ptolemaios Xll. (80-51 v.
Chr.) als Vormund von dessen Tochter Kleopatra VII. (51-30 v. Chr.) wirkte.
Nach seiner Niederlage bei Pharsalos gegen Cäsar 48 v. Chr. floh Pompeius
nach Ägypten, wo er jedoch ermordet wurde. Daraufhin zog Caesar in Ägypten
ein und machte Kleopatra, die 48 v.Chr. für kurze Zeit von der Macht
verdrängt worden war, zur Mitregentin ihres zweiten Bruders, Ptolemaios XIV.
(47-44 v. Chr.), den sie dann auch heiratete. 47 v. Chr. gebar Kleopatra
einen Sohn, Ptolemaios Kaisarion, als dessen Vater sie Caesar angab. Ihr
Besuch in Rom im Jahr 46 v. Chr. erweckte grosses Aufsehen, ebenso ihre
politischen Machenschaften nach ihrer Rückkehr nach Ägypten, wo sie u. a.
ihren Bruder ermorden liess und Kaisarion auf den Thron brachte. Einige Zeit
nach einem Treffen mit Marcus Antonius in Tarsus, zu dem die Römer sie
beordert hatten, gebar sie ihm Zwillinge.
34 v. Chr. teilte Marcus Antonius Gebiete des Oströmischen Reiches unter
Kleopatra (inzwischen seine Frau) und ihren Kindern auf, während er Rom
gegenüber erklärte, er setze lediglich Vasallen ein. Octavian (der spätere
Augustas) organisierte jedoch einen Propagandafeldzug gegen Antonius, und 32
v. Chr. erklärte Rom Kleopatra den Krieg. Im Jahr darauf schlug Octavian den
Marcus Antonius in der Seeschlacht von Actium. Sowohl Marcus Antonius als
auch Kleopatra begingen Selbstmord, und Octavian liess Kaisarion töten, um
der Ptolemäerherrschaft ein für allemal ein Ende zu setzen.
Octavian Augustus erklärte sich am 30.August 30 v. Chr. selbst zum Pharao
und behandelte Ägypten fortan weniger als römische Provinz denn als
kaiserlichen Besitz. Dieser Sonderstatus wurde unter nachfolgenden Kaisern
beibehalten. Griechisch blieb die offizielle Sprache, Alexandria die
bedeutendste Stadt. Das Land wurde nur spärlich militärisch besetzt, auch
wenn Stützpunkte bis nach Qasr Ibrim in Nubien bekannt sind. Augustus
herrschte von 30 v. Chr. bis 14 n. Chr.; in dieser Zeit scheint er wenig
getan zu haben, um sich bei der einheimischen ägyptischen Elite beliebt zu
machen, die ihm v. a. seine Verachtung für die traditionelle Religion und
seine Weigerung, dem heiligen Apis-Stier in Memphis einen Besuch
abzustatten, verübelte.
Oberflächlich gesehen war die römische Herrschaft eine Fortsetzung der
Ptolemäerzeit, sieht man einmal davon ab, dass es keine in Ägypten
residierende Herrscherfamilie gab. Dies hatte weitreichende Konsequenzen: Es
gab für Ägypten keinen Anreiz mehr, Reichtum zu schaffen, wurde es doch aus
der Ferne als Nahrungsmittellieferant für Rom ausgebeutet. Unter den
Ptolemäern eingeführte Verbesserungen im Bewässerungssystem wurden von der
römischen Verwaltung bis ins letzte ausgeschöpft, und der Ertrag wurde in
Form von Steuern durch Gouverneure eingezogen, die für jedwedes Defizit
persönlich verantwortlich gemacht werden konnten.
Die offizielle Anerkennung ägyptischer Traditionen, etwa die Fertigstellung
ptolemäischer Tempel (z. B. Dendera, Kom Ombo und Philae) in ägyptischem
Stil und die Darstellung der Kaiser in ägyptischer Tracht, trug wenig dazu
bei, von den harten Lebensbedingungen abzulenken, unter denen die Armen zu
leiden hatten. Es kam mehrfach zu Unruhen, so u. a. 115-117 n. Chr. zu einem
Aufstand der Juden. Kaiser Hadrian (117-138 n. Chr.) war Ägypten
freundlicher gesinnt und bereiste das Land ausgiebig. In seiner Villa in
Tivoli liess er Statuen ägyptischer Götter aufstellen und sogar ein Serapeum
errichten. Während seiner Herrschaft gewann die ägyptische Religion sehr
grossen Einfluss in Rom. Die Zustände in Ägypten dürften sich allerdings
infolge des kaiserlichen Besuchs nur wenig gebessert haben, der offenbar
lediglich zur Gründung neuer Siedlungen wie Antinoopolis in Mittelägypten
führte.
Während der Regierungszeit Marc Aurels (161-180 n. Chr.) wurde Ägypten von
einer Seuche heimgesucht, die weiter zur allmählichen Entvölkerung des
Landes beigetragen haben dürfte, während die Erhebung des Avidius Cassius
177 n. Chr. die Situation auch nicht verbesserte. Etwas positiver gestaltete
sich die Lage unter Septimius Severinus (193-211 n. Chr.), der die lokale
Verwaltung reorganisierte und verschiedene Bautätigkeiten anordnete, insbes.
die Restaurierung der Memnonskolosse in Theben. Diese Versöhnungsphase war
indes von kurzer Dauer, und 217 n. Chr. verbannte Caracalla (211-217 n.Chr.)
die Ägypter aus Alexandria und befahl die Tötung aller Jugendlichen der
Stadt aufgrund einer von den Bewohnern verbreiteten Verleumdung.
Die Herrschaft des Diocletian (284-305 n. Chr.) war berüchtigt wegen ihrer
Christenverfolgung; die Christen in Ägypten (Kopten genannt) blieben davon
nicht verschont, ja sie hatten aufgrund des Einflusses des Sossianus
Hierocles, eines fanatischen Christen-Verfolgers, vielleicht sogar noch mehr
zu leiden. Es war ein Versuch, die traditionelle römische Religion zu
bewahren, dem jedoch kein Erfolg beschieden war. So überlebte nicht nur das
Christentum, sondern ägyptische Kulte, allen voran der Isis-Kult, blieben im
römischen Reich fest etabliert.
Obwohl römische Besucher (die eine Sondergenehmigung zum Besuch des Landes
benötigten) weiterhin dem - insbes. von Griechen besiedelten - Fajjum den
Vorzug gaben, kam es auch in dieser Region zu einer allmählichen
Entvölkerung, die im 4. nachchristl. Jh. offenkundig wurde. 38-1 n. Chr.
erliess Theodosius (379-393 n. Chr.) ein Edikt, in dem er die Schliessung
aller heidnischen Tempel befahl und anordnete, dass die gesamte Bevölkerung
dem Christentum huldige. Einige Gebiete widersetzten sich jedoch, und Philae
blieb noch lange ein Stützpunkt der traditionellen ägyptischen Religion. Die
ägypischen Christen fuhren fort, Kirchen und Klöster in altägyptischen
Tempeln einzurichten und Siedlungen zu gründen. |