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Die anscheinend simple
Frage nach den rassischen Wurzeln oder der Rassenzugehörigkeit der Ägypter
ist schwierig zu beantworten und bis zu einem gewissen Grad irrelevant. Wir
wissen, dass ihre Sprache zu der als afro-asiat. oder hamito-semitisch
bekannten Gruppe zählte, was lediglich bedeutet, dass sie einige
Gemeinsamkeiten mit Sprachen besass, die in Teilen Afrikas und im Nahen
Osten gesprochen wurden. Zu dieser Sprachgruppe gehören Menschen
unterschiedlichster Rassen, vergleichbar dem Spanischen, das von Spaniern
wie von südamerikanischen Indianern gesprochen wird.
Untersuchungen menschlicher Überreste aus der prädynastischen Zeit zeigen
eine Mischung von Rassenmerkmalen, darunter negride, mediterrane und
europäische. Nach der Herausbildung der pharaonischen Zivilisation erübrigt
sich die Suche nach einer eigenen ägyptischen Rasse, da die Ägypter
inzwischen praktisch zu einem Mischvolk geworden waren. Im Zusammenhang mit
der drühdynastischen Zeit (um 3100-2900 v. Chr.) allerdings wurde die Frage
nach der rassischen Zugehörigkeit oft sehr heftig- diskutiert, wobei eine
Reihe von Gelehrten, darunter W. V. Emery, behaupteten, die prädynastischen
Ägypter seien von einer neuen, aus dem Osten herandrängenden Rasse
unterworfen worden. Untersuchungen von Skelettfunden, die als Beleg für
diese Theorie herangezogen werden, verweisen wohl tatsächlich auf eine
körperliche oder rassenspezifische Veränderung, doch geht man heute davon
aus, dass es sich um einen allmählichen Prozess der Vermischung zwischen
einheimischer Bevölkerung und Menschen anderer rassischer Zugehörigkeit aus
Syrien-Palästina handelte, die über das Delta nach Ägypten eingesickert
waren.
Aufschlussreicher ist die Frage, wie die Ägypter sich selbst sahen. Sie
betrachteten sich mit Sicherheit nicht als Afrikaner oder Asiaten - das geht
aus ihrer Kunst und Literatur ganz eindeutig hervor. Als „Ägypter“
unterschieden sie sich automatisch von allen ihren Nachbarn, selbst wenn
manch ein Ägypter aufgrund seiner Rassenmerkmale „fremdländisch“ ausgesehen
haben mag, wie etwa Maitherperi, ein hoher Beamter aus dem Neuen Reich, der
zweifellos negrider Abstammung war und dennoch einen wichtigen Posten
innehatte. In der ägyptischen Ikonographie wurden Ausländer in Aussehen und
Tracht betont differenziert dargestellt; trotz dieses offensichtlichen
Bewusstseins für die Unterschiede konnten Angehörige vieler verschiedener
Rassen sich durchaus als Ägypter fühlen und wurden als solche anerkannt. Ein
eindrucksvolles Beispiel für ein solches Miteinander sind Skelettfunde aus
dem „Grab der zwei Brüder“ in Rifeh aus dem Mittleren Reich (2055-1650 v.
Chr.): Das Aussehen eines der Männer war negroid, das seines Bruders eher
europäisch.
In jüngster Zeit haben einige Wissenschaftler, insbesondere Martin Bernal,
Verfasser der Schwarzen Athene, behauptet, die Ägypter seien im wesentlichen
eine „schwarzafrikanische“ Kultur gewesen; das alte Ägypten sollte deshalb
als ein Höhepunkt der „Kultur des schwarzen Mannes“ betrachtet werden, die
die Anfänge der griech. Klassik im Mittelmeerraum inspiriert hat. Wenn auch
zu würdigen ist, dass Bernal versucht, die Aufmerksamkeit auf den afrik.
Beitrag zur westl. Kultur zu lenken, könnte man seiner Hypothese doch
vorwerfen, sie gehe am eigentlichen Punkt vorbei, denn „Kulturen“ lassen
sich nicht unbedingt nur unter rein rassischen Gesichtspunkten definieren.
Mag auch die Bevölkerung in ihrer Gesamtheit überwiegend aus der einen oder
der anderen rassischen Gruppe bestehen, so sind doch ihre „Kultur“ und die
für sie charakteristischen archäolog. Zeugnisse häufig das Produkt der
Interaktion von Gruppen unterschiedlicher Rassenzugehörigkeit. |