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Osiris war eine der
wichtigsten Gottheiten des alten Ägypten. In erster Linie wurde er mit Tod,
Auferstehung und Fruchtbarkeit verbunden. Meist findet man ihn als Mumie
dargestellt, deren Hände aus den Mumienbinden herausschauen und die
königlichen Würdezeichen Krummstab und Geissel halten. Er trägt die
auffällige Atef-Krone, die aus der hohen Weissen Krone mit zwei Federn an
den Seiten besteht und zuweilen mit Widderhörnern kombiniert ist. Auf
manchen Abbildungen war seine Haut weiss wie die Mumienbinden; sie konnte
aber auch schwarz sein wie der fruchtbare Nilschlamm oder grün, in
Anspielung auf die Auferstehung.
Osiris ist einer der ältesten ägyptischen Götter. Ursprünglich galt er wohl
als chthonischer Fruchtbarkeitsgott, der über das Wachstum des Getreides
wachte und vielleicht auch mit der Nilüberschwemmung als Quelle der
fruchtbaren Schlammablagerungen in Beziehung stand. Seine Verbindung zum
Fluss wird auch in späteren Zeiten noch deutlich. Im Verlauf der Ausbreitung
seines Kultes im ganzen Land übernahm er nach und nach die Attribute der
Götter, in deren Kultort er eindrang. So dürften z. B. seine
Herrschaftsembleme Krummstab und Geissel auf Anedjti zurückgehen, einen
Gott, der in der Delta-Stadt Busiris (altägyptisch Djedu) verehrt wurde. Der
Mythos, wonach ein irdischer Herrscher nach seinem Tode zu Osiris wurde,
geht vermutlich ebenfalls auf den Anedjti-Kult zurück. Als später mehrere
Orte behaupteten, ein Teil des zerstückelten Osiris-Leibes zu besitzen,
assoziierte man mit Busiris, dem Hauptkultort des Osiris im Norden, sein
Rückgrat, den Djed-Pfeiler, ein Symbol mit zahlreichen Konnotationen, das
einfach in den Osiris-Kult integriert wurde; seine ursprüngliche Bedeutung
kennen wir nicht.
Hauptkultstätte des Osiris im Süden war Abydos (altägyptisch Abdju), der
Ort, an dem sein Haupt bestattet worden sein soll, und zwar - so meinte man
im Neuen Reich (1550-1069 v. Chr.) - im Grab des Königs Djer (um 3000 v.
Chr., 1. Dynastie), das in der Folge zu einem Wallfahrtsort wurde. Neben
einer Osiris-Kapelle im Tempel Sethos' I. (1294-1279 v. Chr.) befand sich in
Abydos auch das sog. Osireion, dessen offenbar bewusst archaisierender Bau
an einen Tempel aus dem Alten Reich (2686-2181 v. Chr.) erinnern sollte,
obwohl er erst unter Merenptah (1213- 1203 v. Chr.) fertiggestellt wurde.
Der bekannteste Beiname des Osiris ist Wenennefer, was soviel bedeutet wie
„ewig unzerstörbar“ oder „ewig unzerstörbar“ (d. h. nicht dem Verfall des
Todes ausgesetzt), doch führte er auch den Titel „Erster der Westlichen“;
dies ist die wörtl. Bedeutung des Namens des Schakalgottes Chentiimentiu
(oder Chontamenti), der vor Osiris in Abydos als Totengott verehrt wurde und
mit dem er zu Osiris-Chontamenti verschmolz. Zu den Epitheta des Osiris
gehört auch der Name „Der, der in Heliopolis wohnt“; dieser brachte ihn in
Verbindung mit dem Kultort des Sonnengottes Ra. Die Priester von Heliopolis
entwickelten eine Genealogie für Osiris in Form der Neunheit, einer Gruppe
von neun Gottheiten, deren Verwandtschaftsverhältnis zuerst in den
Pyramidentexten beschrieben ist. Zusätzliche Bezüge im Totenkult ergeben
sich möglicherweise aus seiner Angleichung an den falkenköpfigen Sokar,
einen weiteren Totengott, der seinerseits mit Ptah, dem Schutzherrn von
Memphis, assoziiert wurde.
Die Kombination seines Fruchtbarkeits- und seines Todesaspekts machte Osiris
zum wichtigsten Auferstehungsgott. Bereits spätestens in der 5. Dynastie
(2494-2345 v. Chr.) wurde der tote König mit Osiris, der lebende Herrscher
mit seinem Sohn Horus gleichgesetzt. Mit der sog. Demokratisierung der
Jenseitsvorstellungen während der 1. Zwischenzeit (2181-2055 v. Chr.)
scheint die Auferstehung in Osiris-Gestalt für jeden Verstorbenen möglich
geworden zu sein. Im Zusammenhang mit Verstorbenen gebrauchte man häufig die
Wendung „Osiris [Name des Toten]“, um ihn oder sie mit dem Gott
gleichzusetzen.
Für die Fortexistenz im Jenseits war es unerlässlich, dass der mumifizierte
Leichnam der Osiris-Gestalt möglichst nahe kam. Dem griech. Historiker
Herodot zufolge wurde der Tote bei dem kostspieligsten Verfahren der
Mumifizierung so behandelt wie einst Osiris. Neben seiner Rolle als Gott der
Auferstehung fungiert Osiris als oberster Richter im Totengericht. Als
solcher ist er in Totenbuch-Vignetten dargestellt.
Die durchaus zwiespältige Haltung der Ägypter zur Unterwelt kann zuweilen
auch Osiris mit einbeziehen, da er auch einen negativen Aspekt besitzt: In
manchen Texten taucht er als übelwollender Gott auf. Deshalb konnten die
Verstorbenen auch den Schutz des Ra erbitten, um im Licht und nicht in der
Finsternis zu wandeln. Vielleicht war dies auch der Hintergrund für die sich
entwickelnden Vorstellungen von einem „Doppelwesen“ des Ra als „Tag-“ und
als „Nachtsonne“ (die gelegentlich mit dem Mond gleichgesetzt wurde). Die
„Nachtsonne“, d. h. Ra auf seiner nächtlichen Fahrt durch die Unterwelt -
das Reich des Osiris -, vereinigte sich mit Osiris, und Osiris wurde damit
zum Ba des Ra. Diese Verschmelzung solarer und osirianischer Vorstellungen
über die Wiedergeburt vollzog sich in einem allmählichen Prozess etwa
zwischen der 18. und der 21. Dynastie und findet ihren sinnfälligsten
Ausdruck in der Vignette zu Kap. 180 des Totenbuches: Der Sonnengott in der
Mumiengestalt des Osiris mit Widderkopf und Sonnenscheibe, eingerahmt von
den Göttinnen Isis und Nephthys; dazwischen der Text „Osiris ruht in Ra, Ra
ruht in Osiris“.
Bereits im AR hatten sich viele der Hauptelemente des Osiris-Mythos
herausgebildet, so der Tod des Osiris durch Ertrinken und die Entdeckung
seines Leichnams durch Isis. Dass er von Seth ermordet wurde, wird schon im
Alten Reich (2055-1650 v. Chr.) erwähnt - allerdings noch ohne Hinweis auf
die Zerstückelung des Leichnams. In der Totenliteratur des Neuen Reiches
wird der Verstorbene jedoch sehr viel enger mit Osiris in Verbindung
gebracht, und die Schilderungen des Geschicks des Töten erinnern an
Einzelheiten der Osiris-Legende. Die Schwängerung der Isis durch Osiris und
die Zeugung seines Sohnes Horus („der Rächer seines Vaters“ bzw. „der seinen
Vater schützt“) hatten sich bereits in der frühen Pharaonenzeit als Themen
herausgebildet, und einige Aspekte des Mythos sind auf den Wänden der
Sokar-Kapelle im Tempel Sethos' l. in Abydos dargestellt.
In Abydos fand auch alljährlich das Fest des Osiris statt. Es schloss u. a.
eine Prozession ein, bei der der Gott hinter seinem Herold, dem Schakalgott
Wepwawet, in seiner neschmet-Barke durch die Stadt getragen wurde. Während
des Umzugs wurden Szenen aufgeführt, die den Sieg des Osiris über seine
Feinde zeigten, ehe der Gott zur Reinigung in das Allerheiligste
zurückkehrte. Die mit den Osiris-Mysterien verbundenen Riten wurden im
Tempel vollzogen; wahrscheinlich galten sie Osiris in seiner ursprünglichen
Rolle als Fruchtbarkeitsgott, doch liegt diesbezüglich noch vieles im
dunkeln.
Die geschlossenste, wenn auch nicht unbedingt genaueste Version des
Osiris-Mythos verdanken wir dem griech. Schriftsteller Plutarch. Ägyptische
Quellen belegen einige Elemente von Plutarchs Fassung, andere bleiben
dagegen fraglich. Plutarch zufolge war Osiris ein irdischer Herrscher, der
sein Land gut regierte, was den Neid seines bösen Bruders Seth weckte. Seth
besorgte sich heimlich die Körpermasse seines Bruders und liess nach ihnen
eine wundervolle Holzlade anfertigen. Dann veranstaltete er ein Festmahl, zu
dem er 72 Komplizen sowie Osiris lud. Im Verlauf des Festes liess er die
Lade hereinbringen und versprach sie dem zum Geschenk, der genau
hineinpasste. Als Osiris ihn ausprobierte, schlossen ihn die anderen darin
ein, versiegelten den Deckel mit geschmolzenem Blei und warfen den Sarg in
den Nil. Er trieb im Wasser bis nach Byblos, wo er sich in den Zweigen einer
Zeder verfing. Zwar wird der Hinweis auf Byblos von ägyptischen Textquellen
nicht gestützt, im Hathor-Tempel von Dendera findet sich jedoch eine
Darstellung, die Osiris in einem Sarg- zwischen den Zweigen einer Zeder
zeigt.
Isis rettete schliesslich den Sarg und kehrte mit ihm nach Ägypten zurück,
wo sie ihn in den Sümpfen versteckte, ehe sie ihren Gatten angemessen
bestattete. Während sie ihren Sohn Horus aufsuchte (der bei Plutarch schon
geboren war), fand Seth den Sarg und zerstückelte wutentbrannt den Leichnam
seines Bruders; die Leichenteile - ihre Zahl schwankt zwischen 14 und 42 -
verstreute er über ganz Ägypten. Isis machte sich auf die Suche nach ihnen
und begrub jeden Körperteil dort, wo sie ihn gefunden hatte. Den Phallus
hatten jedoch der Nilkarpfen (Lepidotus), der Phargus und der Oxyrbynchos
verschlungen, so dass ein künstlicher Penis hergestellt werden musste.
In den ägyptischen Berichten war dies der Zeitpunkt, an dem Isis den
zerstückelten Leichnam zur ersten Mumie zusammenfügte von der die Göttin
ihren Sohn Horus empfing. Später rächte Horus - im sog. Streit zwischen
Horus und Seth - den Tod seines Vaters in einer langen Reihe von
Auseinandersetzungen. Diesen Mythen zufolge dauerte der Streit 80 Jahre, bis
Osiris schliesslich zum Herrscher über die Unterwelt und sein Sohn Horus zum
König der Lebenden erklärt wurden; Seth blieb nur die Herrschaft über die
Wüstengebiete als Gott des Chaos und des Bösen - der archetypische
Aussenseiter und der Gegenpol zu Osiris. |