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Das Gebiet von Nubien
umfasst – nach den heute gültigen Grenzen – den Nord-Sudan und den
südlichsten Teil Ägyptens; letzterer ist allerdings seit der Fertigstellung
des Assuan-Hochdammes im Jahr 1971 im Nassersee versunken. Von W Y. Adams
treffend als „Korridor nach Afrika“ bezeichnet, diente Nubien als wichtiges
Durchgangsland, durch das spätestens ab dem 4. Jahrtausend v. Chr. bis ins
Mittelalter Handelsgüter aus dem tropischen Afrika nach Nubien in die
Kulturen des Mittelmeerraumes und Vorderasiens transportiert wurden. Dieses
traditionelle Bild wurde jedoch vor einigen Jahren von John Alexander und
Mark Horton in Frage gestellt; sie vertreten die Ansicht, Nubien sei
hauptsächlich vom Süden aus kontrolliert worden und die Phasen ägyptischen
Einflusses seien im Vergleich zu den vielen Jahrhunderten, in denen es eine
im wesentlichen autonome afrikanische Kultur war, nur kurze Zwischenspiele
gewesen.
Nubien ist eine Flusstaloase, die sich entlang dem Mittleren Nil zwischen
Assuan und Khartum erstreckt; in diesem Flussabschnitt befinden sich die
sechs Katarakte - Strom schnellen, die die abrupten geologischen
Veränderungen in diesem Bereich des Niltals markieren. Obwohl die
klimatischen Bedingungen in Nubien mit seinem trockenen, unfruchtbaren
Norden und seinem tropischen Süden extremer sind als in Ägypten, basierte
(und basiert) die Landwirtschaft in beiden Ländern auf recht ähnlichen
Grundlagen, nämlich hauptsächlich dem Anbau von Getreide sowie der Haltung
von Rindern, Schafen und Ziegen.
Die frühesten ägyptischen Aktivitäten in Nubien sind bisher in der späten
vordynastischen Zeit (um 3500-3100 v. Chr.) zu verzeichnen, reichen aber
vielleicht noch weiter zurück. Einige erhaltene Felszeichnungen aus
frühdynastischer Zeit (3100-2686 v. Chr.) dürften Hinweise auf erste
Vorstösse des gerade vereinigten ägyptischen Staates in Siedlungsgebiete der
nubischen A-Gruppe (um 3500-2800 v. Chr.) sein. Im Alten Reich (2680-2181 v.
Chr.) beschränkte sich das Engagement der Ägypter in Nubien auf Handels- und
Steinbruchexpeditionen. Damals scheint das Gebiet von den Ägyptern als „Jam“
bezeichnet worden zu sein. Unmittelbar nördlich des 2. Katarakts, dort, wo
später die Mittlere Reichs-Festung Buhen errichtet wurde, gab es offenbar
eine kleine befestigte Siedlung; sie wird in die 4. und 5. Dynastie
(2616-2345 v. Chr.) datiert und weist Spuren von Kupferherstellung auf. In
der frühen 12. Dynastie (um 1950 v. Chr.) begannen die Ägypter mit der
Errichtung einer Reihe von Festungen zwischen dem 2. und 3. Katarakt. Sie
sollten Ägypten offenkundig die vollkommene Kontrolle über die Reichtümer
unternubiens und der weiter südlich gelegenen Länder sichern; immerhin
handelte es sich um so wichtige Waren wie Gold, Elfenbein, Ebenholz, Tiere
und Sklaven. Die von Senweseret III. (1874-1855 v. Chr.) bei Semna nahe dem
3. Katarakt errichtete Grenzstele formuliert diese Politik deutlich:
„Südgrenze […] um zu verhindern, dass irgendein Neger sie überquere, zu
Wasser oder zu Lande, mit einem Schiff oder mit irgendwelchen Herden der
Neger; ausser ein Neger, der nach Iken [wahrscheinlich Mirgissa] kommt, um
Handel zu treiben, oder mit einem Auftrag.“ Die Festungen sollten nicht nur
der einheimischen C-Gruppe die militärische Stärke Ägyptens vor Augen
führen; v.a. die Anlagen von Buhen, Mirgissa und Askut dienten auch als
zeitweilige Lager für die importierten Waren.
Am Ende des Mittleren Reiches (um 1650 v. Chr.), als die Hyksos in
Unterägypten an die Macht gelangten, setzte sich in Unternubien eine
einheimische kuschitische Kultur durch; ihr Zentrum hatte sie in Kerma,
einer Stadt im relativ fruchtbaren Dongola-Becken. Die Ägypter des späten
Mittleren Reiches hatten bereits erkannt, dass sich in Obernubien (das sie
noch immer „Jam“ nannten) eine neue Macht herausbildete. Die Kerma-Kultur
erreichte ihre Blüte während der 2. Zwischenzeit (1650-1550 v. Chr.), war
aber schliesslich durch das Wiedererstarken eines erneut geeinten Ägypten am
Beginn der 18. Dynastie (1550-1295 v. Chr.) zum Rückzug gezwungen.
Die archäologischen Funde verweisen eindeutig darauf, dass die
sozio-ökonomische Stärke der Kerma-Kultur allmählich und unerbittlich vom
ägyptischen Neuen Reich (1550-1069 v. Chr.) ausgehöhlt wurde. Die Ägypter
vermochten offenbar ihre Herrschaft über Nubien bis weit in den Süden zu
festigen - bis zum 4. Katarakt; sie gründeten neue Städte wie Amara-West und
Sesebi-Sudla, wo nicht mehr die Errichtung von Befestigungsanlagen im
Vordergrund stand, sondern der Bau von Tempeln - ein deutlicher Hinweis
darauf, dass man Nubien mittlerweile weitgehend als Teil Ägyptens
betrachtete und nicht mehr als fremdes Territoritun. Mit Beginn der
18.Dynastie wurde das Amt eines Vizekönigs von Kusch (oder Königssohnes von
Kusch) geschaffen. Auf diese Weise konnte Nubien als separates (aus den
beiden Provinzen Wawat und Kusch bestehendes) Gebiet verwaltet werden, wie
auch die ägyptisch kontrollierten Gebiete von Syrien-Palästina unter
ägyptischer Herrschaft in drei Verwaltungseinheiten aufgeteilt wurden.
Im 11. Jh. v. Chr. war der ägyptische Einfluss in Nubiens indes stark
zurückgegangen; dies ermöglichte es den einheimischen Herrschern in Napata,
die Macht zu übernehmen - wie einst ihre der Kerma-Kultur angehörenden
Vorfahren. Doch die napatanischen Könige nutzten nun die Uneinigkeit
innerhalb Ägyptens während der 3. Zwischenzeit (1069-747 v. Chr.): Sie
schufen ein neues Reich unter der „kuschitischen“ 25. Dynastie, in das sie
Ägypten schliesslich eingliederten (7417-656 v. Chr.). Danach konnten die
Nubier sich in der Meroitenzeit, während der Ballana-Kultur (X-Gruppe) und
der christlichen Zeit unabhängig von Ägypten weiterentwickeln, auch wenn von
ihren nördlichen Nachbarn immer ein gewisser Einfluss im religiösen,
politischen und gesellschaftlichen Bereich ausging. |