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Die ägyptische Medizin
war eine Mischung aus magischen und religiösen Beschwörungen und
medizinischer Behandlung, die auf exakter Beobachtung von Patienten beruhte;
jeder Versuch, die moderne Unterscheidung zwischen Magie und Medizin auf die
ägyptische Medizin zu übertragen, stiftet meist nur Verwirrung. Das am
weitesten verbreitete Mittel zur Behandlung von Krankheiten war
wahrscheinlich das Amulett oder die magische Beschwörung, und weniger die
alleinige Verabreichung von Arzneien, denn viele Krankheiten wurden auf
unheilvolle Einwirkung von aussen oder falsches Verhalten zurückgeführt.
Doch bereits spätestens in der 3. Dynastie (2686-2613 v. Chr.) gab es
Personen, die annähernd der modernen Vorstellung von einem Arzt entsprachen
und als sinw- bezeichnet wurden. Auch („Priester der Sachmet“ genannte)
Chirurgen sowie die altägyptischen Entsprechungen zu unseren Zahn- und
Tierärzten kannte man. Der griech. Historiker Herodot schrieb im 5.
vorchristl. Jh., jeder ägyptische Arzt habe sein Spezialgebiet wie
Gynäkologie oder Chiropraktik, doch haben wir keine Zeugnisse dafür, dass
dies für die gesamte Pharaonenzeit zutrifft. Die Tatsache, dass nur eine
einzige Ärztin sicher belegt ist, lässt darauf schliessen, dass ägyptische
Ärzte überwiegend männlich waren; allerdings kann dieser Eindruck trügen,
denn unsere Hauptquellen sind Inschriften auf Grabmonumenten, die in ihrer
Mehrzahl für Männer geschaffen wurden.
Eine Reihe erhaltener medizinischer Papyri gewährt uns Einblick in das
medizinische Wissen der Ägypter und ihre Anatomie-Kenntnisse. Solche
medizinischen Texte wurden möglicherweise in Tempelarchiven aufbewahrt, doch
gibt es dafür nur einen einzigen Hinweis: die Behauptung des griech. Arztes
Galen (129-199 n. Chr.), zu seiner Zeit hätten griech. und röm. Ärzte die
alten Tempelarchive in Memphis konsultiert.
Der Medizinische Papyrus Edwin Smith (um 1600 v. Chr.) galt einst als Werk
eines Militärchirurgen; heute scheint es wahrscheinlicher, dass er von einem
Arzt verfasst wurde, der Arbeiter beim Pyramidenbau medizinisch versorgte.
Der Text befasst sich hauptsächlich mit Verletzungen wie Knochenbrüchen,
Verrenkungen und Quetschungen und teilt seine 48 Einzelfälle in drei Gruppen
ein: „Eine Krankheit, die ich behandeln werde“, „eine Krankheit, mit der ich
kämpfen werde“ und „eine Krankheit, die man nicht behandeln kann“. Bei jedem
Fall werden die Symptome beschrieben und, wo möglich, Behandlungsanweisungen
gegeben. Auch wenn man nicht behaupten kann, der Verfasser hätte das
Funktionieren des Blutkreislaufes ganz verstanden, hat er doch klar erkannt,
dass der Puls ein Urteil über den Zustand des Herzens erlaubte: „Das Zählen
von etwas mit den Fingern [erfolgt], um zu erkennen, wie das Herz geht. Es
sind Gefässe darin, die zu jeder Körperstelle führen [...].Wenn ein
Sachmet-Priester, ein sinw-Arzt [...] seine Finger an den Kopf [...], an die
beiden Hände [...], an die Stelle des Herzens legt [...], spricht es [...]
in jedem Gefäss, in jeder Körperstelle.“
Der medizinische Papyrus Kahun (um 2100-1900 v. Chr.), der auch die
ursprüngliche Quelle für die Papyri Ramesseum IV-V und Carlsberg VIII
gewesen sein mag, befasst sich mit Frauenleiden und insbes. mit Unterleib
und Fruchtbarkeitsbestimmung. Er nennt auch Methoden zur Empfängnisverhütung
wie das Einnehmen von „Krokodilkot, vermischt mit saurer Milch“ oder einen
Einlauf aus einer Mischung von Honig und Natron in die Vagina. Dagegen
enthält der Papyrus Berlin (um 1550 v. Chr.) den ältesten bekannten
Schwangerschaftstest: „Gerste und Emmer. Die Frau muss sie jeden Tag mit
Urin befeuchten (...) Wenn beide wachsen, wird sie gebären. Wächst die
Gerste, wird es ein Junge. Wächst der Emmer, wird es ein Mädchen. Wächst
keines von beiden, wird sie nicht gebären.“ .Moderne Experimente haben
gezeigt, dass der Urin einer nichtschwangeren Frau tatsächlich das Wachstum
von Gerste verhindert - eine überraschende wissenschaftliche Unterstützung
für diesen Test.
Der Medizinische Papyrus Ebers (um 1555 v. Chr.) war ursprünglich über 20 m
lang und bestand aus einer Aufzählung von rund 876 Rezepturen und
Heilmitteln für Leiden wie Wunden, Magenbeschwerden, gynäkologische Probleme
und Hautausschläge. Die Bestandteile von Rezepturen wurden in Bruchzahlen
angegeben, die den Teilen des Horus-Auges entsprachen, wobei jeder Teil
einen Bruchteil von 1/64 bis 1/2 symbolisiert. Der Papyrus Hearst (um 1550
v. Chr.) nennt über 250 Rezepte, von denen sich eine ganze Reihe mit
Knochenbrüchen und Bissen (auch von Nilpferden) befassen.
Der Papyrus Brooklyn ist eine ausführliche Abhandlung über Schlangenbisse,
während sich der Papyrus Chester Beatty VI (um 1200 v. Chr.) ausschliesslich
mit Krankheiten des Afters beschäftigt. Der Papyrus London ist eines der
besten Beispiele für das dreigleisige Vorgehen der alten Ägypter bei der
Heilbehandlung, die man als „ganzheitlich“ im modernen Sinn bezeichnen
könnte. Sie besteht aus einer Kombination von Beschwörungen, Ritualen und
medizinischer Behandlung, die alle drei als gleich wichtig für eine Genesung
des Patienten erachtet wurden.
Aus diesen Werken wird deutlich, dass die Ägypter durch das mit der
Mumifizierung einhergehende Sezieren keine profunden Kenntnisse vom
Funktionieren des menschlichen Körpers gewonnen haben. Die Funktion
zahlreicher Organe blieb ihnen verborgen; so wussten sie z. B. zwar, dass
eine Verletzung des Gehirns zu Lähmungen führen konnte, aber sie erkannten
nicht, dass das Gehirn etwas mit dem Denken zu tun hatte, das die Ägypter
mit dem Herzen in Verbindung brachten. Auch die Funktion der Nieren war
unbekannt, und man glaubte, alle Körperflüssigkeiten wie Blut, Urin, Kot und
Samen würden ständig im Körper zirkulieren.
In der Ptolemäerzeit (332-30 v. Chr.) mischten sich Elemente der
griechischen und der ägyptischen Medizin, wie auch die lokalen Gottheiten
mit griechischen Göttern verschmolzen. So wurde der vergöttlichte Imhotep
mit dem griechischen Gott Asklepios gleichgesetzt und das Asklepieion in
Saqqara zu einem Zentrum der Heilkunst. Zuweilen, so am Kultort des Bes in
Saqqara, übernachteten Patienten sogar in sog. Inkubationskammern, in der
Hoffnung auf eine Heilung durch Träume, die der Gott ihnen eingab. Ab der
Spätzeit (747-332 v. Chr.) waren an grössere Tempel wie den Hathor-Tempel
von Dendera Sanatorien angeschlossen. |