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Die Ägypter benutzten den
Begriff heka für „Zauberkraft“ im Sinne einer göttlichen Kraft (zuweilen als
der Gott Heka personifiziert), die von Gottheiten und Menschen
gleichermassen angerufen werden konnte, um Probleme oder Krisen zu meistern.
Heute wird meist ein deutlicher Unterschied gemacht zwischen Gebeten,
Medizin und „Magie“; im alten Ägypten (wie in vielen anderen Kulturen) aber
betrachtete man diese drei Kategorien als etwas, das sich teilweise
überschnitt und ergänzte. So konnte zur Lösung eines einzigen Problems, sei
es Krankheit oder ein verhasster Rivale, eine Kombination von magischen
Ritualen oder Behandlungsmethoden, Arzneien und religiösen Texten eingesetzt
werden.
Eine etwas willkürliche Unterscheidung wird heute gewöhnlich getroffen
zwischen den religiösen Texten in Gräbern und Tempeln und den „magischen
Texten“ oder „Beschwörungen“, mit deren Hilfe die Alltagsprobleme von
Menschen gelöst werden sollten. Diese Texte sind breit gefächert: Sie
reichen vom Pfortenbuch in Königsgräbern des Neuen Reiches bis zu Flüchen
auf Ostraka oder Beschwörungen zur Heilung von Schnupfen, doch in den Augen
der Ägypter waren dies alles in etwa vergleichbare Methoden, göttlichen
Beistand zu erwirken. Sie arbeiteten alle mit heka, der uranfänglichen
Schöpferkraft des Schöpfergottes am Beginn der Zeit. Während Magie im
heutigen Sinne des Wortes in den Weltreligionen kaum mehr eine Rolle spielt,
gehörte sie im alten Ägypten zum Kern von religiösem Ritual und Liturgie.
Magie war das Mittel zur Wiederherstellung von Ordnung und Harmonie
schlechthin. Der königliche Uräus, vielleicht das markanteste Machtsymhol
des Pharaos, wurde gelegentlich als weret hekau bezeichnet: „die Grosse an
Magie“.
Die wahrscheinlich bekannteste literarische Schilderung von Magie in Ägypten
ist eine Erzählung aus dem Mittleren Reich (2055-1650 v. Chr.), die der
Papyrus Westcar aus der 18. Dynastie überliefert. Dieser Text beschreibt die
verschiedenen Wunder, die die beiden „Magier“ Djadjaemanch und Djedi am Hof
der Könige Snofru und Cheops in der 4. Dynastie (2613-2494 v. Chr.)
vollbrachten.
Wie in vielen anderen Kulturen, basierten auch die von ägyptischen Magiern
eingesetzten Praktiken zu einem grossen Teil auf der Nachahmung - auf dem
Glauben, dass die Wiederholung eines Namens, Bildes oder mythischen
Ereignisses in der realen Welt etwas bewirken könne. Dies bedeutete u. a.,
dass verbale Finessen wie Wortspiele, Metaphern und Akrosticha als
machtgeladene magische Techniken galten und nicht einfach als literarische
Mittel. Im Falle der Ächtungstexte sah man im Zerschlagen von Ostraka oder
Figuren mit den Namen von Feinden einen wirksamen Weg, diese unschädlich zu
machen. In ähnlicher Weise galt die Herstellung von Statuetten oder Figuren
von Gottheiten oder Feinden, die dann besänftigt oder verstümmelt werden
konnten, als wirksame Möglichkeit, die Kontrolle über böse Kräfte zu
gewinnen. Eine ausgeklügelte Mischung von Text, bildlicher Darstellung und
ritueller Handlung war mit den sog. Horus-Stelen verbunden: Engbeschriebene
Stelen mit Abbildungen von Horus als Kind, das Schlangen, Skorpione und
andere Gefahren meistert, wurden mit Wasser übergossen, das die Zauberkraft
der Texte und Bilder in sich aufnehmen sollte, um denen, die es tranken,
Heilung zu bringen.
Das Schachtgrab eines Priesters aus dem späten Mittleren Reich (um 1700 v.
Chr.), das unter dem Ramesseum in Theben-West freigelegt wurde, enthielt
eine Mischung aus „religiösen“ und „magischen“ Artefakten, darunter die
Statuette einer Frau mit einer Löwenmaske und zwei Schlangen-Stäben, eine
Elfenbeinklapper, ein Stück von einem Zauberstab, eine weibliche
Fruchtbarkeitsfigur, ein bronzener Kobra-Stab und ein Kasten mit Papyri, die
mit vielfältigen religiösen, literarischen und magischen Texten beschrieben
waren. Allein diese eine Sammlung von Gegenständen verweist auf die grosse
Bandbreite von Strategien, die in der ägyptischen Magie. eine Rolle spielten
und einen einzelnen Priester in die Lage versetzten, die Macht der Götter
auf vielerlei Art und für unterschiedliche Ziele für sich zu nutzen. |