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Der Begriff „ägyptische
Literatur“ wird oft für das gesamte erhaltene Textgut der Pharaonenzeit
verwendet (meist unter Ausschluss von Sachtexten wie Briefen oder
Verwaltungsdokumenten) und nicht nur zur Bezeichnung offenkundig
„literarischer“ Werke. Die einzelnen Dokumente lassen sich, wie andere
antike Texte, jedoch nach verschiedenen Kriterien einordnen und
kategorisieren, so etwa nach Schriftträgern (z. B. Ostraka, Papyri oder
Stelen), Schrift (Hieroglyphen, Heratisch, Demotisch, Griechisch oder
Koptisch) und der genauen Epoche in der Sprachgeschichte. Auch wenn viele
Texte bestimmten Gattungen zugeordnet wurden (wie z. B. Weisheitsliteratur
oder Liebesgedichte), versteht man sie für gewöhnlich am besten, wenn man
sie vom spezifischen historischen und sozialen Kontext her betrachtet, in
dem sie entstanden. Inschriften, die die Bestände von Tempelarchiven und
Bibliotheken auflisten, sowie erhaltene Papyri und Ostraka im Besitz von
Einzelpersonen oder Institutionen geben uns einen guten Einblick in die
Bandbreite von Texten, die in der Pharaonenzeit bewusst gesammelt und
aufbewahrt wurden, darunter medizinische und mathematische Handbücher.
Innerhalb bestimmter Epochen der ägyptischen Geschichte gab es viele
verschiedene Literatur-Gattungen. Im Alten Reich stand die religiöse
Totenliteratur im Vordergrund, insbes. die Pyramidentexte, mit denen die
Wände von Königsgräbern beschriftet wurden, und die „Grabbiographien“, die
in Privatgräbern die Tugenden des Verstorbenen poetisch beschrieben. Es
existieren wohl Hinweise darauf, dass auch Sachtexte wie medizinische
Abhandlungen verfasst wurden, doch ist kein derartiges Dokument erhalten.
Zwar wurde für viele Texte eine Art Vers verwendet, doch eine Literatur im
engeren Sinne des Wortes gab es nicht. Im Bereich Geschichte und
Geschichtsschreibung verfügen wir über einige Annalen-Fragmente.
Bedeutsam für das Mittlere Reich ist die Aufzeichnung literarischer
Erzählungen wie Märchen des Schiffbrüchigen, die Geschichte vom beredten
Bauern, die Wundergeschichten vom Hof des Königs Cheops (Papyrus Westcar)
und die Geschichte des Sinuhe, die alle vorgeben, historische Berichte zu
sein, obwohl viele Details der Handlung darauf deuten, dass es sich eher um
erfundene Geschichten handelt, die unterhalten und erbauen und weniger
tatsächliche Begebenheiten schildern sollten. Viele dieser Erzählungen
(zuweilen recht irreführend und anachronistisch als „Propaganda“ bezeichnet)
stellen einen guten Gegenpol zu offiziellen Texten dar, denn sie vermitteln
ein wesentlich facettenreicheres Bild des alten Ägypten, indem sie die
feinen Nuancen in der Unterscheidung zwischen Gut und Böse aufzeigen. lm
religiösen Bereich fanden die auf den Pyramidentexten basierenden Sargtexte
in Privatgräbern Verwendung. Aus der 12. und 13. Dynastie sind mehr
Manuskripte erhalten, die ein viel breiteres, von Hymnen und Litaneien bis
zu Onomastika reichendes Spektrum von Textgattungen beinhalten.
Im Neuen Reich (1550-1069 v. Chr.) wurden viele der bereits vorhandenen
Gattungen weiterentwickelt, u.a. Annalen, Opferlisten, Gebete, Hymnen,
„Tagebücher“, „Grabbiographien“, Totentexte (z. B. das Totenbuch),
mathematische Texte, Königslisten, Onomastika, Dekrete und Verträge.
Bemerkenswert ist, dass man nun literarische Texte in neuägyptischen Sprache
abzufassen begann, während offizielle Inschriften weiterhin mittelägyptisch
geschrieben wurden. Der Stil von Erzählungen aus dem Neuen Reich wie „Der
verwunschene Prinz“ und „Die Einnahme von Joppa“ gilt allgemein als weniger
ernst und eher episodenhaft. Eine neue Textgattung bilden die sog.
Miszellen, d. h. Sammlungen von Gebeten, Hymnen oder didaktischen Texten,
ähnlich einer modernen Anthologie. Daneben entstanden nun auch viele
„persönlichere“ Texte, darunter Liebesgedichte, die ab der Ramessidenzeit in
hieratischer Schrift geschrieben wurden und meist aus dramatischen Monologen
eines oder beider Liebenden bestanden. Aus dem Neuen Reich sind zudem
zahlreiche Berichte über geschäftliche Transaktionen erhalten (z. B.
Verkaufsurkunden, Steuerdokumente, Zensuslisten) sowie viele juristische
Schriftstücke (z. B. Gerichtsprotokolle und Testamente), Beschwörungsformeln
und medizinische Texte, „Tagesberichte“ (tägliche Aufzeichnungen der
Schreiber über die Aktivitäten des Königs) und Briefe.
Die in der Spätzeit eingeführte demotische Schrift wurde anfangs nur für
Geschäfts- und Verwaltungsdokumente verwendet, spätestens seit der frühen
Ptolemäerzeit dann auch für literarische Texte. Dabei war die Vielfalt der
Literatur-Gattungen im Demotischen nicht geringer als in der
Hieroglyphenschrift und im Hieratischen, lediglich Liebesgedichte sind
bisher nicht belegt. Die beiden herausragenden Beispiele demotischer
Erzählkunst sind die Geschichte des Setna - Chaenwese und der Zyklus von
Inarus/Petubastus; beide bestehen aus einer Reihe von Geschichten über die
abenteuerlichen Taten einer heldenhaften Persönlichkeit. Es wurde die
Ansicht geäussert, einige der Themen und Motive seien aus griechischen
Werken wie den Epen Homers oder hellenistischer Prosa und Dichtung entlehnt
oder zumindest von ihnen beeinflusst.
Für die gesamte Pharaonenzeit gilt, dass es oft schwierig ist, zwischen
literarischer Fiktion und Schilderungen tatsächlicher Ereignisse zu
unterscheiden; dies ist z. T. auf die Unkenntnis von Zweck und Kontext
einzelner Texte zurückzuführen. Zwei Dokumente aus dem späten Neuen Reich,
der Bericht des Wenamun und der Literarische Brief (Hieratischer Papyrus
127, Moskau) veranschaulichen das Problem, denn wir wissen nicht genau, ob
es sich um offizielle Berichte von wirklichen Personen handelt oder einfach
um Erzählungen mit relativ authentischem geschichtlichem Hintergrund. Viele
derartige Schriften betrachtet man vielleicht am besten als halbfiktive
Werke; welche Funktion sie ursprünglich hatten und für welches Publikum sie
einst gedacht waren, wird sich vielleicht nie ganz klären lassen.
Die damit verbundene Frage, wie weit die Fähigkeit zu lesen und zu schreiben
im alten Ägypten verbreitet war, wird ebenfalls kontrovers diskutiert. Viele
Wissenschaftler gehen davon aus, dass lediglich 0,4 Prozent der Bevölkerung
lesen und schreiben konnten, während andere aufgrund der Fülle von
schriftlichen Zeugnissen aus Deir el-Medina (einer zugegebenermassen
untypischen Siedlung) zu der Ansicht gelangten, dass diese Fähigkeit
wesentlich häufiger anzutreffen war. Es ist jedoch bemerkenswert, dass
praktisch alle erhaltenen „literarischen“ Texte in erster Linie auf eine
kleine Elite abzielen (und von dieser verfasst wurden). |