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Göttin, die die Tugenden
der archetypischen ägyptischen Ehefrau und Mutter verkörperte. Sie war die
Schwester-Gemahlin des Osiris und die Mutter des Horus und als solche die
symbolische Mutter des ägyptischen Königs, der ja als menschliche
Manifestation des Horus galt. Dass ihr Name ursprünglich „Sitz“ bedeutet
haben mag, könnte ein Hinweis auf die Verbindung zwischen Isis und dem
Königsthron sein, ebenso das Emblem, das sie auf dem Kopf trug, das
Hieroglyphenzeichen für Thron. Ab dem Neuen Reich (1550-1069 v. Chr.) war
sie eng mit Hathor verbunden und trug deshalb zuweilen eine Sonnenscheibe
zwischen Kuhhörnern als Kopfschmuck. In ihrer Mutterrolle erschien sie auch
als „Isis-Kuh“ (Mutter des Apis-Stiers) und „grosse weisse Sau von
Heliopolis“. Ihre Ursprünge liegen im dunkeln, doch scheint sie zuerst im
Delta verehrt worden zu sein; in der Theologie vor Heliopolis galt sie als
Tochter der Gottheiten Geb und Nut.
Aus den Mythen kennen wir Isis vor allem in der Rolle der aufopfernden
Gemahlin des Osiris, die nach dessen Ermordung durch Seth seinen Leichnam
überall suchte. Sie setzte die einzelnen Teile des zerstückelter Leichnams
wieder zusammen, umwickelte ihn und schuf so die erste Mumie. Dann hauchte
sie dem Toten Leben ein und empfing schliesslich auf wunderbare Weise ihren
Sohn Horus. Reliefdarstellungen im Hathor-Tempel von Dendera zeigen Isis in
Gestalt einer Weihe über der Mumie schwebend, bei diesem posthumen Akt der
Zeugung. In Anspielung darauf wird sie häufig als Frau mit langen, eleganten
Schwingen dargestellt, die sie schützend um den Pharao oder, auf
Darstellungen in Privatgräbern, um den Verstorbenen legt
Den Mythen zufolge wurde Osiris zur Herrscher der Unterwelt, während Isis in
den Deltasümpfen von Chemmis (altägyptisch Achbit) ihren Sohn gebar.
Zahlreiche Bronzestatuetten und Reliefs zeigen sie beim Stillen des
Horusknaben, der in Gestalt des jungen Königs auf ihrem Schoss sitzt.
AIs „lsis, gross an Zauber“ konnte sie angerufen werden, wenn es um den
Schutz junger Menschen ging, und an sie wandte man sich bei Verletzungen.
Ihre medizinischen Kenntnisse vereinte sie zuweilen mit List: Als Ra von
einer Schlange gebissen worden war (die Isis selbst aus Erde und dem
Speichel des Sonnengottes geschaffen hatte), versprach sie ihm, ihn zu
heilen, wenn er ihr seinen verborgenen Namen verrate. Sobald sie diesen
erfahren hatte, wurde sie zur „Herrin der Götter, die Ra bei seinem
wirklichen Warnen kennt“, und gab ihr Wisser an Horus weiter, der dadurch
grosse Macht erwarb. Von einer List der Isis erfahren wir auch in der
Erzählung vom Streit zwischen Horus und Seth: Hier sorgte sie dafür, dass
Seth sich selbst das Urteil sprach und Horus zum irdischen Herrscher über
Ägypten wurde.
Als Universalgöttin wurde Isis an vielen Orten verehrt, im ägyptischen
Dendera ebenso wie in Bybloa in Syrien-Palästina; am berühmtesten war jedoch
ihr Heiligtum auf der Insel Philae bei Assuan, an der Grenze zwischen
Ägypten und Nubien. Die grosse Bedeutung, die ihr Kult für die Nubier hatte,
zeigt sich daran, dass er in Philae bis ins 6. Jh. N. Chr. überlebte und
noch ausgeübt wurde, als praktisch ganz Ägypten schon christianisiert war.
In nachpharaonischer Zeit wurde ihr Kult zu einem der „Mysterienkulte“ des
klassischen Altertums, der sich nach und nach über die hellenistische Welt
und das Römische Reich ausbreitete. Sogar in Rom selbst wurden ihr Tempel
errichtet, darunter ein stattliches Heiligtum auf dem Marsfeld. Der
klassische Schriftsteller Apuleius (um 140 n. Chr.) beschrieb in seinen
Metamorphosen eine Initiationszeremonie in den Isis-Kult, ohne jedoch den
entscheidenden Ritus der Zeremonie zu verraten. In griech.-röm. Zeit wurde
ihr Kult schliesslich populärer als der des Osiris und eine ernste
Konkurrenz für die traditionellen römischen Götter und das frühe
Christentum. |