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Eine der verbreitetsten
Gattungen religiöser Texte im alten Ägypten war der Hymnus, der in der Regel
eine Lobpreisung einer Gottheit unter Einschliessung ihrer Namen, Titel und
Beinamen darstellte. Die mythologischen Bezüge vieler Hymnen sind ein
gewisser Ausgleich für den allgemeinen Mangel an Mythen in erzählender Form
in der ägyptischen Literatur.
Hymnen und Litaneien konnten sowohl an Grab- und Tempelwände als auch auf
Papyri geschrieben werden. Zwar waren sie im allgemeinen dazu vorgesehen,
als Teil des Kultrituals rezitiert zu werden - der Papyrus Chester Beatty IX
(recto, heute im Britischen Museum) z. B. enthält Hymnen, die als
Tempelgesänge gedacht waren -, doch wurden sie zuweilen auch als
eigenständige „literarische“ Dokumente verfasst wie etwa im Fall der Hymne
an die Überschwemmung (von der Papyrus Chester Beatty V eine Version
überliefert). Oft ist die Funktion der Hymnen schwer auszumachen: In
el-Lahun, der Stadt, in deren Nähe die Pyramide von Senweseret II.
(1880-1874 v. Chr.) liegt, fand man einen Zyklus von fünf Hymnen an dessen
Sohn Senweseret III., doch ist unklar, wann sie rezitiert wurden - ob als
Teil der regulären Kulthandlungen in der Pyramidenanlage oder bei einer
besonderen Gelegenheit wie dem Besuch des regierenden Königs.
Zahlreiche Grabstelen waren mit Hymnen an Osiris, den Totengott,
beschriftet, und das Buch der Anbetung des Ra, eine (heute auch als
Sonnenlitanei bekannte) Hymne an den Sonnengott, fand sich in vielen
ramessidischen Königsgräbern im Tal der Könige. Zu den poetischsten Hymnen
an die Sonne zählt der Sonnengesang, dessen längere Version im Grab des Aja
in el-Amarna aufgezeichnet ist. Seine Schilderung der Rolle des Aton bei der
Erhaltung der Welt wurde oft mit Psalm 104 verglichen, doch dürften die
zweifellos bestehenden Ähnlichkeiten zwischen den beiden Werken aus einem
gemeinsamen literarischen Erbe herrühren und nicht - wie einige Gelehrte
meinen - aus einer Verbindung zwischen Aton-Verehrung und Anfängen des
jüdischen Monotheismus. Zudem wurde oft darauf hingewiesen, dass der
Sonnengesang wenig enthält, was nicht schon in früheren ägyptischen Hymnen
an den Sonnengott auftauchte. |