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Falkengottheit, deren
Name spätestens seit dem Beginn der dynastischen Zeit (um 3100 v. Chr.)
belegt ist. Auch wenn er nicht als solcher benannt ist, dürfte es der
Horus-Falke sein, der auf Paletten wie der „Schlachtfeldpalette“ oder der
Prunkpalette des Narmer dargestellt ist, wie er seine Feinde in den Kämpfen
unterwirft, die dann zur Reichseinigung führen. Zudem nennt der Turiner
Königspapyrus (eine Königsliste aus der 19. Dynastie) die prädynastischen
Herrscher Ägyptens „Könige“ bzw. „Geister des Horus-Geleits“.
Meist als Falke oder falkenköpfiger Mensch dargestellt, war Horus nicht nur
Himmelsgott, sondern Verkörperung des göttlichen Königtums und Beschützer
des regierenden Pharaos. Allmählich verschmolzen die Kulte anderer
Falkengötter mit dem Kult des Horus, und ein ganzer, vielschichtiger
Mythenkreis rankte sich um ihn. Einem der bekanntesten Mythen zufolge war
Horus das Kind der Göttin Isis, und in dieser Rolle, in der er später den
Namen Harpokrates (altägyptisch Hor-pa-chered, „Horus-das-Kind“) erhielt,
wurde er für gewöhnlich in menschlicher Gestalt mit Jugendlocke und einem
Finger am Mund dargestellt; oft sass er dann auf dem Schoss seiner -Mutter
(v. a. bei Amuletten und bronzenen Votivstatuetten).
Von der Spät- bis in die Römerzeit (747 v. Chr. - 395 n. Chr.) war eine neue
Darstellungsform des Horus beliebt, der Cippus. Dabei handelte es sich um
eine Art Schutzstele oder Amulett, auf dem der nackte Kindgott Horus auf
einem Krokodil stehend abgebildet war; in den ausgestreckten Armen hielt er
Schlangen, Skorpione, Löwen oder andere Tiere. Auf solchen sog. Horus-Stelen,
die offenbar Schutz vor bzw. Heilung bei Schlangenbissen, Skorpionstichen u.
ä. bieten sollten, wurde Horus zuweilen mit anderen Gottheiten assoziiert.
Als Sohn von Isis und Osiris wurde Horus auch unter dem Namen Harsiese
(altägyptisch Horsa-Iset, „Sohn der Isis“) verehrt, als der Gott, der das
Mundöffnungsritual an seinem verstorbenen Vater vollzog und damit seine
Thronnachfolge als irdischer Herrscher legitimierte. Als Horus-Iun-mutef
(„Pfeiler seiner Mutter“) nahmen Priester oder älteste Söhne, in
Pantherfelle gehüllt, die rituelle Reinigung des Weges vor, auf dem der Sarg
des Verstorbenen zur Grabstätte gezogen wurde.
Im Mythenkreis um den osirianischen Horus ging es (mehr als in den anderen
Horus-Mythen) in erster Linie um seine Bemühungen, als Harendotes
(altägyptisch Hor-nedj-itef) den Mord an seinem Vater Osiris zu rächen und
seinen Anspruch auf sein rechtmässiges Erbe, den Thron Ägyptens, geltend zu
machen, indem er den bösen Gott Seth besiegte. In den spätesten Versionen
des Mythos vermischen sich oft verschiedene Überlieferungen. In der ersten
Version war Seth der Onkel von Horus, in der zweiten sein Bruder. Auch über
ihre Kämpfe oder Streitigkeiten, die schon vor deren Verknüpfung mit dem
Osiris-Mythos mit dem Horus-Mythos verbunden wurden, gibt es
unterschiedliche Berichte. Der Schabaka-Stein (um 705 v. Chr., heute im
Britischen Museum) mit einer Inschrift aus der 25. Dynastie, die vorgibt, es
handele sich um die Kopie eines Textes aus dem Alten Reich, schildert, wie
der Erdgott Geb zwischen den beiden Kontrahenten entscheidet und
schliesslich Horus den Thron zuspricht. Eine lebendigere Schilderung gibt
der ramessidische Papyrus Chester Beatty 1 „Chester Beatty Library, Dublin),
der den facettenreichen, zuweilen groteske Züge annehmenden Wettstreit
zwischen Horus und Seth detailliert beschreibt, darunter auch eine Wettfahrt
mit Schiffen aus Stein. In dieser Version fällt der Sonnengott Ra die
Entscheidung am Ende eines 80jährigen Streites; auch hier wird Horus
schliesslich König von Ägypten. Möglicherweise spiegeln diese mythischen
Auseinandersetzungen, von denen der griech. Schriftsteller Plutarch eine
noch spätere Version liefert, eine ferne Erinnerung an die Kämpfe der
„beiden Länder“ vor der Reichseinigung; allerdings würden sich heute nur
wenige Prähistoriker darauf einlassen, so verhältnismässig junge Dokumente
zur Interpretation des spät-prädynastischen archäologischen Materials (um
3200-3100 v. Chr.) heranzuziehen.
Während seines Streites mit Seth soll Horus sein linkes Auge verloren haben
(das als Mond galt), doch zum Glück war die Göttin Hathor in der Lage, es
ihm zurückzugeben. Das udjat- oder wedjat-Auge („Horus-Auge“) steht deshalb
allgemein für „ganz machen“ und „heilen“, wobei udja bzw. wedja wörtlich
„heil, unversehrt sein“ bedeutet. Es stand auch für das Zunehmen und
Abnehmen des Mondes und diente als Metapher für Schutz, Stärke und
Vollkommenheit; Udjataugen-Amulette waren äusserst beliebt.
Da Horus ein Gott des Himmels und des Kosmos war, wurden seine Augen als
Sonne und Mond gedeutet, und im Alten Reich (2686-2181 v. Chr.) tritt er oft
als Gott des Ostens und damit des Sonnenaufgangs auf. Als solchen nannte man
ihn Horemachet („Horus-im-Horizont“), und mit Ra verschmolz er zu
Ra-Horachte. Überall in Ägypten kannte man Erscheinungsformen des Horus,
besonders eng verbunden aber ist er mit Edfu. Hier gab es spätestens seit
dem Neuen Reich einen Horus-Tempel, und in dem gut erhaltenen ptolemäischen
Tempel war Horus Teil der lokalen Triade, zusammen mit Hathor und ihrem Kind
Harsomtus. Bereits spätestens ab der 4. Dyn. wurde Horus-Chenti-irti in
Letopolis (Kom Ausim) im westlichen Delta verehrt.
Horus stand auch in enger Verbindung mit Hierakonpolis (wörtl.
„Falkenstadt“), das während der Pharaonenzeit Nechen hiess.
Im dortigen Tempel fand man bei Grabungen den goldenen Falkenkopf (heute im
Ägyptischen Museum Kairo), der vermutlich Teil eines Kultbildes war. In
seiner Rolle als HHorus von Behedet, einer Stadt im Delta, wurde er auch als
Flügelsonne dargestellt, ein Bild, das in der Dekoration vieler anderer
Tempel, v. a. in Edfu, ständig ,wiederkehrt und zurückgeht auf seine
ursprüngliche Manifestation als Himmelsgott. |