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Das alte Ägypten hatte
bis zum Ende der Spätzeit (747-332 v. Chr.) keine Geldwirtschaft, ja die
Ägypter der Pharaonenzeit hatten nicht einmal ein Wort oder Konzept, das dem
modernen Begriff „Wirtschaft“ entspräche. Die ökonomischen Aspekte ihres
Lebens waren in die soziale Ordnung insgesamt eingebettet, und der Handel
vollzog sich im wesentlichen in einer Art Tausch-Handel. Das System war
jedoch sehr hoch entwickelt, und spätestens seit dem Neuen Reich (1550-1009
v. Chr.) war es auf einen festen Wertmassstab bezogen, der auf genormten
Gewichten aus Metall basierte. Kupfer bildete bei kleinen Transaktionen die
Verrechnungsgrundlage, Silber und Gold bei Geschäften mit hochwertigeren
Gütern. Stückchen der Metalle selbst wurden zwar manchmal bei Transaktionen
benutzt, hatten aber noch nicht den Status von Münzen.
Die meisten Zeugnisse für den Handel unter gewöhnlichen Ägyptern des Neuen
Reiches stammen aus der Arbeitersiedlung Deir el-Medina. Offenbar hatte jede
Ware einen Wert, der in Kupferdeben ausgedrückt werden konnte. Bei vielen
Transaktionen erfolgte anscheinend eine Berechnung des Werts der Waren, die
ausgetauscht werden sollten, um sicherzustellen, dass sie jeweils die
gleiche Menge an Deben wert waren. Nach Ansicht einiger Ägyptologen waren
diese Preise ziemlich stabil und das Ergebnis traditioneller Handelsbräuche,
andere dagegen meinen, die Preise seien vielmehr durch Angebot und Nachfrage
auf dem Markt bestimmt worden und wesentlich variabler gewesen.
Aus Berichten über Tauschgeschäfte geht hervor, dass zwangsläufig eine Reihe
von Gegenständen von relativ geringem Wert gegen ein Objekt von höherem Wert
eingetauscht wurde. Dieses System konnte nur in einer Gemeinschaft
funktionieren, in der die Menschen sich in der Frage, was sie eintauschten,
flexibel zeigten, denn sonst wäre eine riesige Kette kleinerer
Tauschgeschäfte allein dafür nötig gewesen, um Waren für eine einzige
Transaktion zu erhalten, und das ganze System wäre unpraktikabel geworden.
Der Verkäufer achtete wohl für gewöhnlich darauf, dass sich einige der
eingetauschten Waren für eventuelle künftige Tauschgeschäfte eigneten. Viele
der erhaltenen Aufstellungen über geschäftliche Transaktionen aus Deir
el-Medina führen ein Bett (im Wert von 20-25 Deben) unter den gehandelten
Gegenständen auf; da es unwahrscheinlich ist, dass Haushalte mehrere Betten
bekommen und lagern wollten, nimmt man gewöhnlich an, dass das Bett einfach
als Sicherheit in die Aufstellung aufgenommen wurde, um den Handel zu
erleichtern. In dieser Hinsicht können die wirtschaftlichen Aktivitäten der
Ägypter als materieller Ausdruck sozialer Beziehungen betrachtet werden. Der
Wirtschaftswissenschaftler Karl Polanyi und der Anthropologe Marshall
Sahlins haben aufgezeigt, dass in vielen Gesellschaften Waren einen Preis
für die Angehörigen der Gemeinschaft haben können und einen anderen für
Aussenstehende; möglicherweise wurde im pharaonischen Ägypten ein solches
System praktiziert.
Auch der Aussen-Handel vollzog sich wohl hauptsächlich als Tausch-Handel.
Die im Totentempel der Hatschepsut (1473-1458 v. Chr.) in Deir el-Bahri
überlieferte Expedition in das afrik. Land Punt scheint das Funktionieren
des „stummen Handels“ zu demonstrieren, bei dem jede Partei nach und nach
eine grössere oder kleinere Zahl von Gegenständen ausbreitet, bis beide sich
mit dem erzielten Ergebnis zufrieden zeigen. So ging man wahrscheinlich v.
a. dann vor, wenn man es mit relativ naiven Fremden zu tun hatte, die die
Preise von Gegenständen und Waren innerhalb Ägyptens nicht kannten.
Der Handel mit entwickelten Staaten des Mittelmehrraumes und des Nahen
Ostens scheint sich in anderer Form abgespielt zu haben. Hier wurden
hochwertige Güter regelmässig als diplomatische Geschenke ausgetauscht. Die
Amarna-Briefe enthalten Listen von Gütern, die von ausländischen Herrschern
nach Ägypten gesandt wurden, sowie Bitten dieser Herrscher um Geschenke wie
z. B. Goldstatuen. Die auf diese Weise erworbenen Luxusgüter wurden häufig
an loyale Höflinge als Belohnung weitergegeben, dienten als vom König
verliehene Statussymbole.
Viele Grabmalereien des Neuen Reiches zeigen das Eintreffen von
Handels-Waren, häufig allerdings so, als handle es sich dabei um als Tribut
gebrachte Geschenke. In Wirklichkeit besuchten Händler aus Kreta und anderen
Gebieten der griechischen Welt Ägypten, um Waren zu tauschen, und zweifellos
wurden auch diese Händler ihrerseits von ägyptischen Händlern besucht (oder
zumindest von Händlern, die ägyptische Waren mitführten wie jene, die man in
den bronzezeitlichen Schiffwracks vor Kap Gelidonya und Ulu Burun fand).
Ägyptische Händler selbst sind nicht sehr gut belegt, obwohl der Begriff
schwti anscheinend als Bezeichnung für Kaufleute verwendet wurde. Auch sind
für die gesamte Pharaonenzeit königliche Handels-Missionen nachweisbar;
diese wurden - von Harchuf, der zur Zeit Pepis II. (2278-2184 v. Chr.) nach
Afrika reiste, bis zu dem angeblich unter Herihor (um 1070 v. Chr.) in das
syrische Byblos entsandten Wenamun - meist von Beamten organisiert, die als
„Expeditionsleiter“ fungierten.
Im neuen Reich schwti genannte Händler waren immer Staatsangestellte.
Dennoch scheint es eine Ebene zwischen dem internationalen Handel der
höchsten Hofbeamten und dem lokalen Tausch-Handel der Arbeiter gegeben zu
haben. Darauf lassen zahlreiche Funde mykenischer Keramik an Orten wie
El-Amarna schliessen, deren Vorkommen ausserhalb des rein königlichen
Bereichs vielleicht darauf verweist, dass sie durch mykenische Kaufleute
oder ägyptische Mittelsmänner hierher gelangte. Jedenfalls mag es durchaus
inoffizielle Tauschgeschäfte zwischen Ägyptern und Gefolgsleuten zu Besuch
weilender ausländischer Potentaten gegeben haben, wie sie der Anthropologe
Bronislaw Malinowski bei den Völkern des Pazifiks nachwies.
In der Spätzeit (747-332 v. Chr.) wurde der Aussen-Handel von den Griechen
beherrscht, und ägyptische Könige hielten sie unter Kontrolle, indem sie sie
auf Handelsstädte wie Naukratis beschränkten. Mit der Einführung der ersten
Münzen in Ägypten während der 29. Dynastie, in deren Gefolge sich in der
Ptolemäerzeit eine echte Geldwirtschaft entwickelte, begann der Prozess der
Eingliederung des Niltales in die frühe Geldwirtschaft der Mittelmeerländer. |