|
Für die Ägypter waren
Haar-Tracht, Vorhandensein oder Fehlen von Haaren von grosser Bedeutung, und
zwar nicht nur für das eigene Aussehen, sondern auch als Statussymbole oder
-zeichen. Der Akt ritueller Demütigung und Unterwerfung fand seinen Ausdruck
darin, dass der König seine Feinde am Haar packte, bevor er sie erschlug.
Die Ägypter pflegten ihr Haare sehr sorgfältig und waren bemüht, Ergrauen
und Haar-Ausfall zu vermeiden. Dies lässt sich aus erhaltenen Texten
schliessen, die entsprechende Mittel empfehlen (von denen allerdings keines
besonders effektiv gewesen sein dürfte). Gewöhnlich wurde das Haar gewaschen
und parfümiert; wohlhabendere Leute beschäftigten Friseure. Der Sarkophag
der Königin Kawit aus Deir el-Bahri (um 2040 v. Chr., 11. Dynastie, heute im
Ägyptischen Museum Kairo) zeigt eine solche Friseuse bei der Arbeit. Kinder
trugen an einer Seite des Kopfes, der ansonsten kahlgeschoren war, eine oder
zwei Locken oder einen Zopf. Diese charakteristische Jugendlocke findet sich
in der Regel bei Darstellungen von Kindern und Jugendlichen wieder, auch bei
solchen von Gottheiten wie dem kindlichen Horus (Harpokrates).
Haar-Teile in Form von falschen Zöpfen oder Locken ergänzten - selbst bei
relativ armen Leuten - zuweilen das eigene Haar. Einer der gefallenen, in
Deir el-Bahri begrabenen Soldaten Mentuhoteps II. (2055-2004 v. Chr.) trug
ein solches Haar-Teil. Gebräuchlicher waren jedoch ganze Perücken, die nicht
nur Leute mit Glatze trugen, Sondern, wie im Europa des 18. Jh., zur
Kleidung der Oberschicht gehörten.
Viele äg. Perücken waren äusserst kunstvoll gestaltet und sorgfältig in
Zöpfen und Strähnen gearbeitet. Frauen trugen oft sehr lange, schwere
Perücken, die ihre sexuelle Anziehungskraft erhöhen sollten; die Perücken
der Männer waren meist kürzer, aber zuweilen noch kunstvoller. Perücken
wurden bei öffentlichen Anlässen und Banketten getragen und, wie Haare, oft
parfümiert. 1974 entdeckten polnische Archäologen die Reste einer
Perückenmacherwerkstatt aus dem Mittleren Reich und Neuen Reich in einer
Felsspalte in Deir el-Bahri. Zu den gefundenen Objekten gehören ein Sack und
Krüge mit Haaren sowie ein Modellkopf, auf dem die Linie, wo die Perücke
befestigt war, sichtbar ist.
Perücken bestanden in der Regel aus echtem Menschen-Haar, doch wurden zum
Auspolstern zuweilen Pflanzenfasern verwendet. Wir wissen, dass man in der
21. Dynastie (1009-945 v. Chr.) dazu Dattelpalmen benützte. Zwei gänzlich
aus Gras hergestellte römische Perücken sind ebenfalls erhalten, doch
scheint die Verwendung dieses Materials völlig unüblich gewesen zu sein.
Entgegen sich hartnackig haltender Behauptungen in der archäologischen
Literatur gibt es keine Belege für die Verwendung von Wolle oder anderen
Tier-Haaren bei der Perückenherstellung.
Spätestens seit den neuen Reich waren die Köpfe der Priester während ihres
Tempeldienstes glatt rasiert zum Zeichen ihrer Unterwürfigkeit der Gottheit
gegenüber und - dem griechischen Historiker Herodot Zufolge - zur
Bekräftigung ihrer Reinheit. In Zeiten der Trauer streute man sich häufig
Asche oder lockere Erde über den Kopf, und zuweilen wurden sogar Locken
abgeschnitten. Das Determinativ für Trauer besteht aus drei Haar-Locken,
vielleicht in Anlehnung an den Mythos, in dem sich Isis zum Zeichen ihrer
Trauer um Osiris eine Locke abschnitt - worauf der Papyrus Ramesseum IX.
anspielt und der griechische Schriftsteller Plutarch detailliert eingeht. |