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Die Ägypter hatten zwei
Hauptbegriffe zur Bezeichnung einer Grenze oder Grenzlinie: tasch, das sich
auf eine reale, von Menschen oder Göttern gesetzte geographische Grenze
bezieht, und djer, das anscheinend eine festgelegte und unverrückbare, zur
Struktur des Universums gehörende Grenze bezeichnet. Tasch war, ob als
Acker- oder Landes-Grenze, also im wesentlichen eine veränderbare Grenze,
und in Zeiten der Stärke und des Wohlstands konnten Herrscher wie Senweseret
I. (1965-1920 v. Chr.) und Thutmosis III. (1479-1425 v. Chr.) ihre Absicht
bekunden, Ägyptens „Grenze zu erweitern“ oder „hinauszuschieben“ (sewesech
taschw).
Die traditionellen Grenzen Ägyptens bildeten die westliche Wüste, die
Sinai-Wüste, die Mittelmeerküste und die Nilkatarakte südl. von Assuan.
Diese geographischen Barrieren vermochten die Ägypter viele Jahrhunderte
lang vor Einmischung von aussen zu schützen. In der Pharaonenzeit trugen
diese natürlichen Grenzen dann dazu bei, dass Ägypten auch in Zeiten
relativer Schwäche seine Unabhängigkeit wahren konnte. Da jedoch nach der
ägyptischen Königsideologie der Pharao als Herrscher über die gesamte
bekannte Welt galt, war der Machtbereich Ägyptens theoretisch grenzenlos.
Praktisch erfuhr das äg. Reich seine grösste Ausdehnung unter Thutmosis III.
in der 18. Dynastie, als seine Grenzen im Nordosten vom Euphrat und im Süden
von der Grenzstele von Kurgus (zwischen dem 4. und 5. Nilkatarakt) markiert
wurden.
Die Grenze zu Unternubien bildete traditionell die Stadt Elephantine
(Assuan), deren Insellage natürlichen Schutz bot und die von einem dicken
Verteidigungswall umgeben war. Der ursprüngliche Name der Siedlung am 1.
Katarakt, von dem sich der moderne Name Assuan herleitet, lautete Suenet
(„Handel“); in diesem Ortsnamen spiegelt sich die Bedeutung, die die südl.
Landes-Grenze für den Handel hatte; hier drohte keine Invasion, vielmehr
boten sich Möglichkeiten zu profitablen wirtschaftlichen Unternehmungen. Da
der 1. Katarakt - trotz eines im Alten Reich von König Merenra (2287-2278 v.
Chr.) unternommenen Versuchs, einen Kanal zu bauen - ein Hindernis für die
Schiffahrt darstellte, mussten sämtliche Handelsgüter am Ufer transportiert
werden. Dieser wichtige Landweg auf der Ost-Seite des Nils zwischen Assuan
und dem Gebiet von Philae wurde von einer gewaltigen, fast 7,5 km langen
Lehmziegelmauer geschützt, die im wesentlichen während der 12. Dyn.
errichtet worden sein dürfte. ,
Die ägyptischen Grenzen im NO, NW und S waren vom Mittleren Reich an mehr
oder weniger befestigt. Spätestens seit der Regierungszeit Amenemhats I.
(1985-1955 v. Chr.) wurde das östl. Delta von einem Festungsgürtel
geschützt, der als die „Mauern des Herrschers“ (inebw beka) bekannt war und
Invasionen entlang der Küsten-Handelsstrasse zur Levante (im Mittleren Reich
Horusweg genannt) verhindern sollte. Etwa zur gleichen Zeit wurde offenbar
im Wadi Natrun eine Festung errichtet, die das westl. Delta gegen die Libyer
schützen sollte. Die Verteidigungsanlagen im westl. und östl. Delta wurden
während des gesamten 2. Jahrtausend v. Chr. sorgfältig instand gehalten. Die
Festungen und Garnisonen des Neuen Reiches an den Delta-Grenzen - darunter
el-Alamein und Zawiet Umm el-Racham im Westen sowie Tell Abu Safa (Sile),
Tell el-Farama (Pelusium), Tell el-Heir (Migdol) und Tell El-Maschuta (Pitom)
im O - sollten eine Wiederholung der Hyksos-Invasion verhindern. |