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Das Motiv des gefesselten
fremdländischen Gefangenen ist eines der gängigsten und machtvollsten
Elemente in der altägyptischen Ikonographie. Auf der Narmer-Palette und
vielen anderen dekorierten kgl. Artefakten aus spät-prädyn. und frühdyn.
Zeit finden sich Szenen der Demütigung fremdländischer Gefangener durch den
König. Das älteste Beispiel der archetypischen Szene, die den Pharao beim
Erschlagen eines gefesselten Gefangenen zeigt, fand man im sog. Fürstengrab
100 aus dem späten 4. Jahrtausend v. Chr. in Hierakonpolis, und die gleiche
Szene vom „Erschlagen der Feinde“ wird noch Tausende von Jahren später auf
den Pylonen ägyptischer Tempel der griech.-röm. Zeit dargestellt. Auf der
Prunkkeule des Narmer (heute im Ashmolean Museum, Oxford) befindet sich eine
Darstellung eines frühdynastischen Königsrituals, die drei Gefangene beim
Lauf zwischen zwei Gruppen von je drei Steinhaufen zeigt (die vielleicht die
Grenzen Ägyptens symbolisieren).
Kalkstein- und Holzstatuen fremdländischer Gefangener fand man in den aus
der 5. und 6. Dyn. stammenden Pyramidenanlagen von Raneferef, Niweserra,
Djedkara-Isesi, Wenis, Teti, Pepi I. und II. in Saqqara und Abusir. Nach
Meinung des franz. Archäologen Jean-Philippe Lauer könnte es in jedem
Pyramidenkomplex mehr als 100 Gefangenen-Statuen gegeben haben, die zu
beiden Seiten des Aufweges zwischen Tal- und Totentempel aufgestellt gewesen
sein könnten. Später verwendete man schematisierte Darstellungen gefesselter
Gefangener in Ächtungsritualen wie im Fall von fünf in die frühe 12. Dyn.
datierten Gefangenen-Figuren aus Alabaster (heute im Ägyptischen Museum
Kairo), die mit hieratischen Ächtungstexten beschriftet sind; diese Texte
enthalten die Namen nubischer Prinzen, verbunden mit Schmähungen.
Während der gesamten Pharaonen- und griech.-röm. Zeit blieb der gefesselte
Gefangene ein beliebtes Motiv der Tempel- und Palastdekoration. Gefesselte
Gefangene als Dekorationselemente von Ausstattung und Möbeln in
Königspalästen - inbes. auf bemalten Fussböden oder Fussschemeln, auf die
der König seine Füsse setzte - sollten einerseits die absolute Unterwerfung
der Fremdvölker durch den Pharao symbolisch unterstützen und andererseits
jene aufrührerischen Elemente symbolisch darstellen, die der König auf
Geheiss der Götter in Schach zu halten hatte. Es gibt deshalb in griech.-röm.
Tempeln eine Reihe von Abbildungen von Göttern, die mit Schlagnetzen Vögel,
Wildtiere und Fremde fangen. Rechit-Vögel fungieren zuweilen ebenfalls als
Symbole für fremdländische Gefangene und unterworfene Völker.
Die Rolle von Gefangenen als Metapher für das ln-Schach-Halten der Mächte
des Chaos ist auch auf dem im Tal der Könige verwendeten Nekropolensiegel zu
erkennen, das Anubis über neun fremdländischen Gefangenen zeigt, welche die
den Königsgräbern drohenden Gefahren verkörpern. Viele Tempelreliefs aus dem
Neuen Reich nennen die Fremdvölker und Städte, die die Ägypter erobert
hatten (oder gern erobert hätten), wobei die Namen der Stadtstaaten oft in
schematisierte Darstellungen gefesselter Gefangener geschrieben wurden. |