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Die übergreifende Frage
nach der Natur altägyptischer Bibliotheken wird vom Verlust der Grossen
Bibliothek in Alexandria überschattet, die im späten 3. Jh. n. Chr. bis auf
die Grundmauern abbrannte. Die Bibliothek von Alexandria war vermutlich von
Ptolemaios I. Soter (305-285 v. Chr.) gegründet worden, und zwar
ursprünglich ebenso wie das Museion („Musentempel“) als Erweiterung seines
Palasts. Etwas später in der Ptolermäerzeit wurde eine weitere grosse
Bibliothek eingerichtet, wahrscheinlich im Serapeum von Alexandria, doch
auch sie wurde (391 n. Chr.) zerstört. Auch wenn die Papyri selbst nicht
erhalten sind, lässt sich das Vermächtnis der alexandrinischen Bibliothek an
der Gelehrsamkeit von Schriftstellern wie Apollonios von Rhodos und
Aristophanes von Byzanz messen, die beide als Direktoren der Grossen
Bibliothek wirkten.
Die alexandrinischen Institutionen standen am Ende einer langen Tradition
der Archivierung von Texten und Schriften während der Pharaonenzeit. Das
Lebenshaus (per anch), in dem in der Regel ägyptische Schreiber arbeiteten
und ihren Beruf erlernten, wurde in Städten wie Memphis und el-Amarna
identifiziert, doch im allgemeinen erwies es sich als recht schwierig,
Tempel-Bibliotheken und offizielle Archive zu lokalisieren. Mit dem Begriff
per medjat („Haus der Schriftrollen“) wurden die Verwahrungsorte von Papyri
bezeichnet, die an Regierungsgebäude und Tempelanlagen angeschlossen waren.
ln einer Reihe von Tempeln, so z. B. in Esna und Philae, finden sich auf
bestimmten Wänden katalogartige Verzeichnisse von Texten, doch die einzige
sicher identifizierte Tempel-Bibliothek ist ein nischenähnlicher Raum in der
Südmauer der äusseren Säulenhalle des griech.-römi. Horus-Tempels von Edfu
(um 80 v. Chr.). Eine Inschrift über dem Eingang zu diesem Raum weist ihn
als die „Bibliothek des Horus“ aus, obwohl darin möglicherweise nur die
wenigen Schriftrollen aufbewahrt wurden, die für den Vollzug des täglichen
Rituals nötig waren. Die Lokalisierung (oder auch nur das tatsächliche
Vorhandensein) einer Bibliothek im Ramesseum (um 1250 v. Chr.) hat sich als
recht strittige Frage erwiesen, denn die meisten modernen Ägyptologen können
keinen Raum identifizieren, der der von dem griech. Historiker Diodor (1.
Jh. v. Chr.) erwähnten „heiligen Bibliothek“ entspräche; dagegen wurden in
unmittelbarer Nachbarschaft des Totentempels Ramses' lll. in Medinet Habu
(um 1170 v. Chr.) Verwaltungsarchive aus dem späten Neuen Reich gefunden.
Auf die Existenz von königlichen Bibliotheken verweisen drei erhaltene
„Exlibris“ aus Fayence mit den Namen Amenhoteps III., von denen zwei
ausserdem den Titel des literarischen Werkes nannten, das auf den
Papyrusrollen geschrieben stand, an denen sie befestigt waren.
Eine kleine Tempel-Bibliothek der Römerzeit, ausgegraben in der Fajjum-Stadt
Tebtunis, enthielt neben den religiösen Texten, die fraglos in den meisten
früheren Bibliotheken der Pharaonenzeit vorherrschend waren, eine Reihe
literarischer und medizinischer Werke. Im späten 2. Jh. N. Chr. stellte
Clemens, Bischof von Alexandria, eine Liste von Texten zusammen, die von
ägyptischen Priestern verwendet wurden.
1896 entdeckte James Quibell bei der Ausgrabung von Schachtgrab Nr. 5 unter
dem Ramesseum einen Holzkasten mit einer Reihe von Papyri, die einem
Vorlesepriester der 13. Dynastie (um 1795-1650 v. Chr.) gehörten. Diese
Textsammlung - der wertvollste Einzelfund von Papyri aus dem Mittleren Reich
- wird oft als „Bibliothek“ bezeichnet, doch bezieht sich der Begriff in
diesem Zusammenhang mehr auf eine Gruppe von Dokumenten als auf eine
Institution oder ein Gebäude. Dennoch vermitteln die Texte einen guten
Eindruck von der Vielfalt einer Bibliothek des Mittleren Reiches, die in
diesem Fall aus literarischen Erzählungen, Militärdepeschen aus der Festung
Semna, einem Onomastikon, medizinischen Texten, Zaubersprüchen, einer Hymne
an Sobek und Fragmenten eines dramatischen oder rituellen Werks bestand. Als
„Bibliothek“ wird auch die umfangreiche Sammlung von Papyri (darunter die
Papyri Chester Beatty) bezeichnet, die sich im Besitz mehrerer
Schreibergenerationen in Deir el-Medina befand. |