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Der griech. Historiker
Herodot erklärt, die Ägypter hätten die Beschneidung „der Reinlichkeit
wegen“ praktiziert, da sie „lieber reinlich sein als gut aussehen“ wollten,
und es ist gut möglich, dass der Brauch ursprünglich aus rein hygienischen
Gründen eingeführt wurde. Dennoch lassen Darstellungen Unbeschnittener in
der Dekoration von Mastaba-Gräbern des Alten Reiches vermuten, dass der
Eingriff nicht allgemein üblich war.
Die Beschneidung selbst mag Teil einer Initiationszeremonie gewesen sein,
ähnlich den Mannbarkeitsriten vieler früher Stammesgemeinschaften. Eine
Stele aus der 1. Zwischenzeit (2181-2055 v. Chr.) erwähnt die gleichzeitige
Beschneidung von 120 Jungen, möglicherweise verschiedenen Alters. Es wurde
jedoch auch die Ansicht geäussert, dass die Beschneidung üblicherweise mit
etwa 14 Jahren erfolgte. Die Mumie eines jungen Prinzen von etwa 11 Jahren,
die im Grab Amenhoteps II. gefunden wurde, ist unbeschnitten und hat noch
die Jugendlocke an der rechten Schläfe - möglicherweise ein Indiz dafür,
dass die Jugendlocke nur in den Jahren vor der Beschneidung getragen wurde.
Bei der Zeremonie selbst, im Ägyptischen sebi genannt, fand ein gebogenes
Feuersteinmesser von ähnlicher Art Verwendung, wie es auch die Balsamierer
benutzten. Wegen dieses Rückgriffs auf ein so archaisches Instrument wurde
argumentiert, dass die Beschneidung für die Agypter im wesentlichen ein
religiöser Ritus gewesen sei. Vielleicht hatte das Ganze aber auch nur
praktische Gründe, denn ein Metallmesser wäre wohl kaum schärfer gewesen als
ein frisch abgeschlagener Feuerstein. Angesichts mangelnder Antiseptika
dürften zudem die Heilungschancen um so besser gewesen sein, je sauberer und
schneller der Schnitt ausgeführt wurde.
Die Mastaba Anchmahors, eines Wesirs der 6. Dynastie, in Saqqara enthält
eine Beschneidungs-Szene, die sowohl den Schnitt als auch das Auftragen
irgendeiner Salbe zu zeigen scheint; letzteres ist allerdings nicht ganz
eindeutig. Spätestens seit der Spätzeit (747-332 v. Chr.) war die
Beschneidung für Priester obligatorisch, um die für die Durchführung ihrer
Tempelpflichten notwendige Reinheit zu erlangen - ein weiterer Hinweis
darauf, dass Kinder nicht zwangsläufig in der Adoleszenz beschnitten wurden.
In der Römerzeit wurde offenbar ein Verbot der Beschneidung eingeführt, von
dem nur Priester ausgenommen waren.
Die Ägypter haben die Beschneidung möglicherweise als ethnisches
„Identifikationsmerkmal“ betrachtet - zumindest lassen dies Darstellungen
von Ausländern in Kampfszenen des Neuen Reiches wie jene im Totentempel
Ramses III. in Medinet Habu vermuten. Bei Aufstellungen über gefallene
Feinde unterschieden die Ägypter zwischen den beschnittenen Semiten, denen
die Hände abgeschnitten wurden, und den unbeschnittenen Feinden, denen man
die Penisse abschnitt, um sie zu zählen.
Obwohl Strouhal zufolge einige altägyptische Texte „unbeschnittene“
Jungfrauen erwähnen und der griech. Schriftsteller Strabon berichtet, die
Ägypter hätten die Beschneidung von Mädchen praktiziert, wurden an
weiblichen Mumien bisher keine Anzeichen für einen solchen Eingriff
gefunden. |