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Einige Gelehrte datieren
den Beginn der Wissenschaftsdisziplin Ägyptens auf den 22. September 1822,
den Tag, an dem Jean-Francois Champollion seinen Lettre à M. Dacier relative
à l`alphabet des hieroglyphes phonétiques schrieb, in dem er bewies, dass er
die Hieroglyphen-Schrift entziffert hatte. Champollion stützte sich jedoch
zweifellos auf die Studien früherer Autoren wie Horapollon und Thomas Young,
und seine Arbeit war letztlich der Höhepunkt der schon seit Jahrhunderten
betriebenen „Wiederentdeckung“ des alten Ägypten.
Die ägyptische Kultur galt bereits zu der Zeit als verehrungswürdig und alt,
als der griech. Historiker Herodot (um 484-420 v. Chr.) den ersten
allgemeinen Überblick über die Kultur insgesamt verfasste. Auch für arab.
Gelehrte des Mittelalters war das pharaonische Ägypten ein äusserst
interessantes Studienobjekt. In vielen dieser frühen Berichte mischte sich
Beobachtung mit blühender Phantasie und Schatzgräber-Romantik, doch einige
zeigen echte Wissbegierde in bezug auf die Namen und Geschichten der Erbauer
der grossartigen Monumente. Schon für arab. Gelehrte und frühe Reisende war
unübersehbar, dass die Gräber und Tempel über und über mit Zeichen, den
geheimnisvollen Hieroglyphen, bedeckt waren, und gerade dieser Aspekt der
ägyptischen Kultur weckte die Aufmerksamkeit europäischer Gelehrter wie des
deutschen Jesuitenpaters Athanasius Kircher (1602-80), der koptische und
arabische Manuskripte studierte, ehe er seine Aufmerksamkeit den
Hieroglyphen zuwandte. Leider glaubte er fälschlicherweise, es handle sich
bei letzteren um rein symbolische, nichtphonetische Zeichen; dies verführte
ihn zu den völlig aus der Luft gegriffenen Textauslegungen, die ihm später,
nicht ganz zu Recht, eine traurige Berühmtheit einbrachten.
Die Grundlagen ägyptologischer Kenntnisse wurden von europäischen
„Reisenden“ wie Richard Pococke, Claude Sicard und Frederick Ludwig Norden
gelegt, deren wegweisenden Berichten über die von ihnen besuchten Denkmäler
des pharaonischen Ägypten wir in einigen Fällen die einzige Schilderung von
Monumenten verdanken, die seitdem längst Plünderungen oder natürlichem
Verfall zum Opfer gefallen sind. Doch die erste systematische Erforschung
Ägyptens erfolgte am Ende des 18. Jh. durch eine kleine Gruppe franz.
Gelehrter, die an Napoleons Militärexpedition durch das Niltal teilnahm.
Aufgabe dieser „savants“ war es, alle Aspekte der Flora, Fauna und
Geschichte Ägyptens festzuhalten; die Ergebnisse ihrer Arbeit wurden
zwischen 1809 und 1822 als die 24bändige Description de l'Egypte
veröffentlicht. Napoleons Feldzug setzten die Briten ein Ende, doch die
Gelehrten durften ihre Arbeit bis 1802 fortsetzen. Als Alexandria den Briten
übergeben wurde, händigte man ihnen auch die von den Gelehrten
zusammengetragenen Sammlungen aus, darunter Objekte wie der Stein von
Rosette, die sich für die Entwicklung der Ägyptologie als entscheidend
erweisen sollten.
Eine Vielzahl europäischer Reisender und Sammler besuchte in der Folge
während des 19. Jh. Ägypten, ebenso eine Reihe weiterer grossangelegter
wissenschaftlicher Expeditionen; hervorzuheben ist die Arbeit von
Jean-Francois Champollion und Ippolito Rosellini zwischen 1828 und 1829
sowie die ehrgeizigen und umfangreichen Forschungen des deutschen Gelehrten
Karl Richard Lepsius zwischen 1842 und 1845. Lepsius' Expedition besorgte
die kartographische Erfassung grosser Gebiete und führte Ausgrabungen durch;
neue Örtlichkeiten, die die Franzosen nicht besucht hatten, wurden
dokumentiert und den Schilderungen schon bekannter Orte neue Details
hinzugefügt; seine Forschungsergebnisse wurden unter dem Titel Denkmäler aus
Ägypten und Äthiopien publiziert. Die erste umfassende und verlässliche
Beschreibung ägyptischer Altertümer und Kultur in der englischsprachigen
Welt war Sir John Gardner Wilkinsons monumentales Werk Manners and customs
of the ancient Egyptians, das, nach 12 Jahren praktischer Arbeit vor Ort in
Ägypten und Nubien, 1837 in drei Bänden erschien.
Diese wissenschaftlichen Expeditionen fanden leider vor dem Hintergrund von
Plünderungen und ausgedehnter Sammlertätigkeit durch Pioniere wie Bernardino
Drovetti und Giovanni Belzoni statt. Die von solchen Männern
zusammengetragenen Kunstschätze bildeten schliesslich den Kern bedeutender
nationaler Sammlungen, so des Britischen Museums, des Louvre, der Berliner
Museen und des Museo Egizio in Turin. 1858 ernannte Said Pascha den
Franzosen Auguste Mariette zum Aufseher über alle Ausgrabungen in Ägypten.
Damit begann nicht nur ein systematischeres Arbeiten, sondern auch ein
wachsendes Engagement bei der Konservierung und detaillierten Untersuchung
der Denkmäler und Kunstschätze.
Nach und nach gewann die neue Disziplin an Ansehen, u. a. durch die
Einrichtung einer Reihe bedeutender akademischer Stellen in der Ägyptologie
und durch Gelehrte wie Flinders Petrie und George Reisner, denen es gelang,
immer gewissenhaftere Registrierungs- und Grabungstechniken zu entwickeln.
Die Folge war, dass ab dem letzten Jahrzehnt des 19. Jh. die Disziplin immer
professioneller wurde. Mariettes Aufsicht über die Grabungen entwickelte
sich zur Ägyptischen Altertümerverwaltung (heute: Supreme Council for
Antiquities), die sowohl für die Vergabe von Grabungslizenzen an
ausländische Archäologen zuständig ist als auch für die Koordination von
deren Arbeit im Interesse und zum Wohl des ägyptischen Volkes. Dies
beinhaltet zunehmend die Rettung von Orten und Monumenten, die von
Bauvorhaben wie dem Assuan-Hochdamm in den 60er Jahren, dem Kairener
„Abwasserprojekt“ in den 80er Jahren und dem el-Salaam-Kanal im N-Sinai in
den 90er Jahren bedroht sind. In der landläufigen Vorstellung von der
Ägyptologie wurden diese Rettungsaktionen jedoch fraglos von Howard Carters
Entdeckung des Tutanchamun-Grabes im Jahr 1922 in den Schatten gestellt, die
das erste grosse „Medienereignis“ in der Geschichte der Ägyptologie war und
die Phantasie nachfolgender Gelehrtengenerationen fesselte.
Heutige Ägyptologen bedienen sich einer Vielzahl von Techniken und
Disziplinen, darunter hochentwickelte geophysikalische Untersuchungen,
exakte Grabung und Dokumentation in Plänen und Fotos, Rekonstruktionen mit
Hilfe von Computern sowie die traditionelleren Bereiche der Epigraphik
(Kopieren von Inschriften, Malereien und Reliefs) und Papyrologie. |