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Heiliger Ort am W-Ufer
des Nils, 50 km südl. des heutigen Sohag. Abydos, Hauptkultort des Gottes
Osiris, war von prädynastische bis in christliche Zeit (um 4000 v. Chr. -
641 n. Chr.) von grosser religiöser Bedeutung. Die frühesten bedeutsamen
Monumente sind die Gräber namentlich genannter Herrscher der proto- und
frühdynastischen Periode (um 3100-2686 v. Chr.). Der älteste Tempel vor Ort
ist jener der Kanidengottheit Osiris-Chontamenti (Kom el-Sultan). Auch eine
weitläufige Siedlung aus der Pharaonenzeit sowie zahlreiche Gräber und
Kenotaphe von Menschen und Tieren wurden ausgegraben.
Den Ort beherrschen noch immer die Tempel von Sethos I. (1294-1279 v. Chr.)
und seinem Sohn Ramses II. (1279-1213 v. Chr.), doch ist auch eine frühere,
unter Ramses I. (1295-1294 v. Chr.) errichtete Kapelle in Form einiger
Reliefblöcke erhalten. Der Kulttempel von Sethos I. ist ein L-förmiger
Kalksteinbau; die Ikonographie seiner wunderbaren farbigen Reliefs wurde zur
Interpretation der darin vollzogenen Kultrituale herangezogen. Eine der
Szenen zeigt Ramses II., wie er in Gegenwart seines Vaters die Namen
früherer Könige von einer Papyrusrolle abliest. Der Inhalt des Dokuments ist
auf der Nachbarwand aufgezeichnet; diese Königsliste leistete (zusammen mit
einer ähnlichen Liste aus dem Tempel Ramses' II.) einen wichtigen Beitrag
zur Entschlüsselung der ägyptischen Chronologie.
Hinter dem Tempel von Sethos I. befindet sich das Osireion, ein aus riesigen
Granitblöcken errichteter Bau, der als eine Art Kenotaph des Gottes Osiris
interpretiert wurde. Ein langer, abschüssiger Gang führt in das Innere, das
mit Auszügen aus dem Pfortenbuch und dem Totenbuch sowie mit kosmologischen
und dramatischen Texten dekoriert ist. Aufgrund des riesigen Ausmasses der
Steinmetzarbeiten wurde das Bauwerk einst dem Alten Reich zugeordnet, doch
konnte es inzwischen in die Regierungszeiten von Sethos I. und Merenptah
datiert werden, und man geht heute allgemein davon aus, dass die Architekten
des Neuen Reiches bewusst versuchten, den Stil archaisch zu halten.
Die Friedhöfe von Abydos, darunter auch die heute als Umm el-Qa'ab bekannte
Nekropole, wurden im späten 19. und frühen 20. Jh. von den franz.
Archäologen Auguste Mariette und Emile Amelineau sowie den brit. Archäologen
Flinders Petrie und Eric Peet freigelegt. In den 60er Jahren des 20. Jh.
gelangte Barry Kemp nach einer erneuten Analyse der Untersuchungsergebnisse
von Petrie und Peet zu der Ansicht, die frühdynastischen Königsgräber seien
von einer Reihe weiterer, zum Grabbezirk gehörender Anlagen im O ergänzt
worden, die sehr wohl die Prototypen der Totentempel in den Pyramidenanlagen
des Alten Reiches hätten sein können. 1991 erhielt diese Theorie weitere
Unterstützung durch die Ausgrabungen David O'Connors, bei denen eine ganze
Reihe von frühdynastischen Bootsgräbern bei Schunet el-Zebib, des am besten
erhaltenen Grabbezirks, entdeckt wurde.
Ein seit 1973 in der Nähe des frühdynastischen Königsfriedhofes tätiges
deutsches Ausgräberteam fand Hinweise auf enge kulturelle Verbindungen
zwischen Petries Königsgräbern in Umm el-Qa'ab (traditionell in die 1. Dyn.
datiert, die ersten Anfänge der frühdyn. Zeit in Abydos) und dem
angrenzenden spät-prädyn. Friedhof U. Die Ausgräber meinen deshalb, dass die
Linie der in Abydos begrabenen mächtigen Herrscher aus geschichtlicher Zeit
nun weiter zurückgeführt werden könne in eine Zeit, die bisher als
„vorgeschichtlich“ galt.
Das Grab des Königs Djer aus der 1. Dynastie in Umm el-Qa'ah wurde
spätestens ab demn späten Mittleren Reich mit dem Grab des Osiris
gleichgesetzt, und während der 12. Dyn. (1985-1795 v. Chr.) wurde es mehr
und mehr Usus, dass sich Leute aus ganz Agypten in Anydos bestatten liessen.
Auch scheinen „Wallfahrten“ von Privatpersonen nach Abydos zunehmend üblich
geworden zu sein, die hofften, auf diese Weise posthum an den
Feierlichkeiten für Osiris teilhaben zu können; zahlreiche Gräber und
Kenotaphe (oder „Opferkapellen“) wurden deshalb am nördl. Ortsende in der
Nähe von Kom el-Sultan errichtet. Etwa 2000 Stelen und zahlreiche
Opfertische und Statuen wurden aus diesen Grabmonumenten geraubt und
ausgegraben. Den Stelen verdanken wir eine Fülle von Informationen über den
Osiris-Kult, über den literarischen Aufbau der Grab-Autobiographien und
zahlreiche Einzelheiten über die mittleren Beamten des Mittleren Reiches und
ihre Familien.
Ain südl. Ortsende finden sich auch archäolog. Reste aus dem Mittleren Reich
und dem Neuen Reich; Charles Currelly grub 1901 einen Pyramidentempel, ein
Kenotaph und einen Terrassentempel von Ahmose (1550-1525 v. Chr.) und Ahmose
Nefertari aus. 1993 unternahm Stephen Harvey neue Ausgrabungen in diesem
Gebiet, bei denen er Fragmente bemalter Reliefs von Ahmose freilegte, die
vielleicht dessen Feldzüge gegen die Hyksos am Beginn der 18. Dyn.
darstellen. |